/ 18.06.2013
Annette Weinke
Die Verfolgung von NS-Tätern im geteilten Deutschland. Vergangenheitsbewältigungen 1949-1969 oder: Eine deutsch-deutsche Beziehungsgeschichte im Kalten Krieg
Paderborn u. a.: Ferdinand Schöningh 2002; 514 S.; geb., 49,80 €; ISBN 3-506-79724-0Diss. Potsdam. - Dass beide deutschen Staaten bis 1989 unterschiedliche Ansätze der Geschichtsinterpretation verfolgten, ist an sich keine neue Erkenntnis. Wie umfassend jedoch die juristische Bewältigung des Nationalsozialismus mit politischen Motiven vermischt und durch die „Systemkonfrontation" geradezu forciert wurde, zeigt Weinke in ihrer umfassenden Studie. Wenn es vor dem Hintergrund der Vergangenheitspolitik eine Gemeinsamkeit beider deutschen Staaten gab, dann die, dass beide Staaten keine umfassende juristische Aufarbeitung anstrebten. Für Bonn und Ost-Berlin war damit ein zweites Problem eng verknüpft: Wie reagiert das Ausland auf den Umgang mit der NS-Vergangenheit, wie er in der Bundesrepublik und der DDR praktiziert wurde? Und schließlich ein dritter Aspekt: Vor allem die DDR erkannte den Wert der unbewältigten Vergangenheit in der Bundesrepublik für propagandistische Kampagnen, die - mehr oder weniger subtil vorgetragen - allerdings auch dafür sorgten, dass die NS-Vergangenheit eben nicht dem Vergessen anheim fiel. Der zweifellos späte Beginn der juristischen Aufarbeitung des Nationalsozialismus in beiden deutschen Staaten war ursprünglich nicht moralisch motiviert, sondern kurioserweise das Produkt der gegenseitigen politischen Vorwürfe.
Aus dem Inhalt:
1. NS-Strafverfolgung durch alliierte und deutsche Gerichte von 1945 bis 1949
2. „Bewältigung der frühen Bewältigung" in der Bundesrepublik
3. Konsequente Verwirklichung des „Geistes von Potsdam"? Amnestien, Scheinjustiz und operative Massnahmen in der frühen Ära Ulbricht
4. „Keine zweite Entnazifizierung ...". Die NS-belastete bundesdeutsche Justiz als Gegenstand der vergangenheitspolitischen Systemkonfrontation
5. Kurswechsel beim Umgang mit NS-belasteten Juristen: Von der „stillen" zur „politischen" Lösung
6. „Das Adenauer-Regime auf die Anklagebank setzen ...": Forcierung der SED-Kampagnenpolitik im Vorfeld des Mauerbaus
7. Kurswechsel bei den Rechtshilfebeziehungen mit der DDR und den Ostblockstaaten
8. Politische Kontroversen über die NS-Strafverfolgung im Zeichen der Verjährungsfrage
9. Der Kampf um die NS-Akten: Die Aktion „Konzentration"
10. Forcierung der NS-Strafverfolgung nach Aufhebung des Kontaktverbots
11. „Den justiziellen Kampf fortsetzen ...". Die Einflussnahme der SED auf den ersten Frankfurter Auschwitz-Prozess 1963-1965
12. NS-Prozesse als Bühne geschichtspolitischer Legitimationsversuche
13. Prüfstein für die deutsch-deutschen Rechtsbeziehungen: Der West-Berliner RSHA-Komplex
14. Operative Beobachtung als Ersatz für Strafverfolgung? Rückwirkungen der vergangenheitspolitischen Auseinandersetzung auf die NS-Ermittlungen in der DDR
Axel Gablik (AG)
Dr., Historiker.
Rubrizierung: 2.35 | 2.314 | 2.313
Empfohlene Zitierweise: Axel Gablik, Rezension zu: Annette Weinke: Die Verfolgung von NS-Tätern im geteilten Deutschland. Paderborn u. a.: 2002, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/17920-die-verfolgung-von-ns-taetern-im-geteilten-deutschland_20682, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 20682
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Dr., Historiker.
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