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/ 22.06.2013
Ingrid Böhler / Eva Pfanzelter / Thomas Spielbüchler / Rolf Steininger (Hrsg.)

7. Österreichischer Zeitgeschichtetag 2008. 1968 – Vorgeschichten – Folgen. Bestandsaufnahme der österreichischen Zeitgeschichte

Innsbruck/Wien/Bozen: Studien Verlag 2010; 944 S.; 79,- €; ISBN 978-3-7065-4867-0
Anstatt von einer österreichischen „68er-Generation“ sollte in Anlehnung an Karl Mannheim besser von „Generationseinheiten“ (144) gesprochen werden, denn die Motive der Protestierenden jener Zeit seien zu unterschiedlich gewesen, die politischen Fronten verliefen oft quer durch die Generationen, schreibt Margit Reiter. Für viele 68er sei die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit ein wichtiges Thema gewesen. Aber anders als in der Bundesrepublik habe diese kaum auf der persönlichen Ebene stattgefunden, ein Bezug zur eigenen Familiengeschichte sei von vielen nicht hergestellt worden. Das führt die Wiener Historikerin auf die Dominanz der Opferthese zurück, die nicht nur auf offizieller Ebene wirksam gewesen sei, sondern sich auch in vielfältigen Varianten im kollektiven Bewusstsein fortgesetzt habe. Das tatsächliche Ausmaß der Beteiligung von Österreichern an NS-Verbrechen sei lange nicht realisiert worden, vielmehr hätten sie den Nationalsozialismus „gedanklich externalisiert“ (147), also die Verantwortung auf Deutschland abgeschoben und sich als österreichische Nachgeborene nicht unmittelbar betroffen gefühlt. Erst die Waldheim-Affäre Mitte der 80er-Jahre sei für viele zur Zäsur, zum Befreiungsschlag in ihrer Beschäftigung mit dem Dritten Reich und ihrer eigenen belasteten Familiengeschichte geworden. Nicht nur die Erinnerung an das Revolutionsjahr 1968 und die öffentliche Auseinandersetzung über die 68er-Bewegung waren die Themen des 7. Österreichischen Zeitgeschichtetag, der vom Institut für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck im Mai 2008 organisiert wurde. Es gab auch eine Vielzahl von Beiträgen zu den unterschiedlichsten Aspekten des Erinnerns an den Nationalsozialismus. So beschäftigte man sich z. B. mit Zwangsarbeit, -zwangsabtreibungen und -sterilisationen, dem Umgang mit Widerstand und Verfolgung in der Zeit des Nationalsozialismus in Österreich oder mit der Rolle der Geisteswissenschaften in Österreich während der nationalsozialistischen Herrschaft. Insgesamt finden sich in diesem Sammelband 105 Aufsätze, die aus 47 Panels dieser wissenschaftlichen Großveranstaltung resultieren.
Sabine Steppat (STE)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.42.222.232.272.3122.3142.612.632.674.14.42 Empfohlene Zitierweise: Sabine Steppat, Rezension zu: Ingrid Böhler / Eva Pfanzelter / Thomas Spielbüchler / Rolf Steininger (Hrsg.): 7. Österreichischer Zeitgeschichtetag 2008. Innsbruck/Wien/Bozen: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/32395-7-oesterreichischer-zeitgeschichtetag-2008_38656, veröffentlicht am 09.11.2010. Buch-Nr.: 38656 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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