/ 22.06.2013
Robert Winter
Täter im Geheimen. Wilhelm Krichbaum zwischen NS-Feldpolizei und Organisation Gehlen
Leipzig: Militzke Verlag 2010; 189 S.; 16,90 €; ISBN 978-3-86189-832-0Der Titel ist gut gewählt: Der Autor legt die Biografie eines NS-Schreibtischtäters vor, der im Hintergrund agierte und sich nie selbst die Hände schmutzig machte. Vergleichbare Experten gab es im Nationalsozialismus viele und nicht wenige dieser Fachleute konnten ihre Karriere nach 1945 bruchlos fortführen und ausgestalten. Zu diesen zählte auch der 1896 geborene Wilhelm Krichbaum. Er machte bereits während des Ersten Weltkrieges Erfahrungen mit der Arbeit in der Abwehr. Während der Weimarer Republik bewegte er sich im rechtsradikalen Milieu zwischen Freikorps und Spionageabwehr. Sein eigentlicher Aufstieg begann im Nationalsozialismus, wo er schließlich im Reichsicherheitshauptamt (RSHA) Stellvertreter von Amtschef Müller war und 1945 als Chef der Geheimen Feldpolizei (GFP) fungierte. Im Mai 1945 geriet Krichbaum in amerikanische Kriegsgefangenschaft und stellte sich als Zeuge dem Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg zur Verfügung. Dabei wusste er sich als kleinen Befehlsempfänger darzustellen und bagatellisierte die Rolle der GFP und deren eigenständigen Beitrag zum NS-Terror. Er blieb bis 1948 in Haft, bevor er im selben Jahr zur Organisation Gehlen, dem Vorläufer des Bundesnachrichtendienstes (BND), stoßen konnte, wo er rasch Karriere machte. Zwar geriet auch Krichbaum Anfang der 50er-Jahre im Rahmen der Ponger-Affäre zeitweilig in den Verdacht sowjetischer Agent zu sein, doch – so ist sich der Autor sicher – hat nur sein früher Tod im April 1957 „eine noch größere Karriere im bundesdeutschen Staat“ (115) verhindert. Das biografische Porträt Krichbaums steht exemplarisch für vergleichbare Fachleute und liefert darüber hinaus interessante Details zur Tätigkeit von RSHA und GFP im NS-Staat und zur Frühgeschichte des BND. Robert Winter ist ein Pseudonym, unter seinem Geburtsnamen Joachim Bornschein hat der Autor u. a. die Biografie des Gestapochefs Heinrich Müller vorgelegt (siehe ZPol-Nr. 24190).
Christoph Kopke (CKO)
Dr. phil., Dipl.-Pol., wiss. Mitarbeiter, Moses Mendelsohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien, Universität Potsdam.
Rubrizierung: 2.313 | 2.312 | 2.324
Empfohlene Zitierweise: Christoph Kopke, Rezension zu: Robert Winter: Täter im Geheimen. Leipzig: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/32704-taeter-im-geheimen_39042, veröffentlicht am 21.09.2010.
Buch-Nr.: 39042
Inhaltsverzeichnis
Rezension drucken
Dr. phil., Dipl.-Pol., wiss. Mitarbeiter, Moses Mendelsohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien, Universität Potsdam.
CC-BY-NC-SA