/ 18.02.2016
Sabrina Wagner
Aufklärer der Gegenwart. Politische Autorschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts – Juli Zeh, Ilija Trojanow, Uwe Tellkamp
Göttingen: Wallstein Verlag 2015 (Göttinger Studien zur Generationsforschung / Veröffentlichungen des DFG-Graduiertenkollegs "Generationengeschichte" 20); 343 S.; geb., 39,90 €; ISBN 978-3-8353-1748-2Literaturwiss. Diss. Göttingen; Begutachtung: G. Lauer, H. Detering. – Im Feuilleton wird gerne und viel über einen Substanzverlust des deutschsprachigen Literaturbetriebes geklagt. Insbesondere der Typus des intellektuellen, politisch engagierten Autors vergangener Jahrzehnte – der wichtige Impulse und Kontroversen auslöste und damit gesellschaftspolitische Standortbestimmungen und Zeitbilder transportierte – wird schmerzlich vermisst. Erklärtes Ziel des Buches ist es, diese kulturpessimistische Sicht zu widerlegen. Ausgehend von einem weiten Politikbegriff – „‚Politisch‘ bezeichnet den Versuch der Einflussnahme und das Einschreiben in Diskurse, die die gesellschaftliche wie öffentliche Ordnung des menschlichen Gemeinwesens betreffen“ (33) – werden mit Juli Zeh, Ilija Trojanow und Uwe Tellkamp drei zeitgenössische Autoren und ihr Werk einer weitgehenden Analyse unterzogen. Es zeigt sich, dass von einer unpolitischen Autorenschaft beileibe keine Rede sein kann. Dies wird anhand zahlreicher Engagements – beispielsweise die von Juli Zeh initiierte Petition gegen den Umgang der Bundesregierung mit der NSA‑Affäre – bezeugt. Auch ist der politische Anspruch der jeweiligen Werke klar identifizierbar – ob es nun in „Der Turm“ von Tellkamp um die letzten Jahre der DDR geht oder in Trojanows „Die Welt ist groß und die Rettung lauert überall“ um einen Zusammenprall verschiedener Kulturen und das Fremdsein. Dabei unterscheiden sich die drei Referenzautoren durchaus voneinander – während Zeh als „kommentierende[s] Korrektiv zur Tagespolitik“ (301) gilt, ist Trojanow die Einbettung aktueller Themen in den globalen Kontext wichtig; Tellkamp „ist der Epiker, der die Illusion eines national‑kulturell definierten, humanistischen Bildungsideals als Orientierung sowie Gegenentwurf zur gegenwärtigen Lebenswirklichkeit aufrechterhält“ (301). Welchen Einfluss die Autoren tatsächlich haben, wird sich erst langfristig zeigen müssen. Kritik an ihnen oder ihrem Werk sucht man in dieser Dissertation allerdings vergebens – was ebenso auf den konkreten politischen Bezug zutrifft, den Politologen suchen. Für die politikwissenschaftliche Forschung ist das Buch nur von sehr begrenztem Nutzen; allenfalls im Rahmen der politischen Kulturanalyse ist es durchaus zu empfehlen. Dies ist aber bei einer dezidiert literaturwissenschaftlichen Arbeit nicht überraschend.
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Rubrizierung: 2.35 | 2.315 Empfohlene Zitierweise: Fabrice Gireaud, Rezension zu: Sabrina Wagner: Aufklärer der Gegenwart. Göttingen: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/39415-aufklaerer-der-gegenwart_47898, veröffentlicht am 18.02.2016. Buch-Nr.: 47898 Inhaltsverzeichnis Rezension druckenCC-BY-NC-SA