/ 22.06.2013
Museum des Warschauer Aufstands (Hrsg.)
Erinnerungskultur des 20. Jahrhunderts. Analysen deutscher und polnischer Erinnerungsorte. Redaktionelle Bearbeitung durch Michał Łuczewiski und Jutta Wiedmann
Frankfurt a. M. u. a.: Peter Lang 2011; 241 S.; brosch., 29,80 €; ISBN 978-3-631-61998-8Der Band versammelt eine Reihe größtenteils studentischer Beiträge. Sie beruhen auf einer Seminarreihe, die 2008 vom Museum des Warschauer Aufstands und dem Berliner Verein „Jugend bewegt Europa“ veranstaltet wurde. Als theoretisches Grundgerüst dient die Theorie der gesellschaftlichen Bewegungen des US-amerikanischen Soziologen und Historikers Charles Tilly. Demnach sind Gedächtnis und Politik Teilmengen umfassenderer gesellschaftlicher Phänomene, die dynamischen Veränderungen unterliegen. Identität erscheint dabei abhängig von den Beziehungen zwischen verschiedenen Gruppen, im konkreten Fall also zwischen Polen und Deutschen. Die Autoren definieren den oft schwammigen Begriff Erinnerungsort als einen bewusst geschaffenen, „konkrete[n] [Ort] im geographischen Raum“ (17). Solche Orte können „sowohl von gesellschaftlichen Organisationen […] als auch vom Staat“ (21) etabliert werden. Ersteres Phänomen wird als „Erinnerungskultur“, letzteres als „Geschichtspolitik“ bezeichnet – diese oft unreflektiert synonym verwendeten Begriffe werden hier also analytisch sinnvoll getrennt. Die meist recht knapp gehaltenen Fallstudien zu 19 Erinnerungsorten in Deutschland und Polen – von denen einige leider kaum über Stichpunktsammlungen hinausgehen – sind überwiegend identisch aufgebaut. Die Autoren fragen unter Bezug auf Tilly jeweils nach 1. dem politischen und kulturellen Kontext, 2. den Akteuren, 3. den Identitäten, 4. den Zielen, 5. den Mitteln und 6. der Effektivität bei der Konstruktion von Erinnerungsorten. Sie beurteilen die deutsche Erinnerungskultur insgesamt als pluralistischer, innovativer und effektiver, konstatieren aber eine zunehmende Angleichung der polnischen Verhältnisse. In mehreren knappen Essays werden daran anknüpfend didaktische Überlegungen formuliert. Hier wird etwa anhand der Begriffe Patriotismus und Kritik gezeigt, dass trotz mancher Annäherungen noch zahlreiche Missverständnisse im zwischenstaatlichen Dialog bestehen.
Martin Munke (MUN)
M. A., Europawissenschaftler (Historiker), wiss. Hilfskraft, Institut für Europäische Studien / Institut für Europäische Geschichte, Technische Universität Chemnitz.
Rubrizierung: 2.23 | 2.35 | 2.61
Empfohlene Zitierweise: Martin Munke, Rezension zu: Museum des Warschauer Aufstands (Hrsg.): Erinnerungskultur des 20. Jahrhunderts. Frankfurt a. M. u. a.: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/34795-erinnerungskultur-des-20-jahrhunderts_41831, veröffentlicht am 29.03.2012.
Buch-Nr.: 41831
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M. A., Europawissenschaftler (Historiker), wiss. Hilfskraft, Institut für Europäische Studien / Institut für Europäische Geschichte, Technische Universität Chemnitz.
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