/ 20.03.2014
Crista Kramer von Reisswitz
Macht und Ohnmacht im Vatikan. Papst Franziskus und seine Gegner
Zürich: Orell Füssli Verlag AG 2013; 230 S.; 19,95 €; ISBN 978-3-280-05517-5Der reißerische Titel passt nicht so richtig zum Inhalt des Buches, das vor allem durch die Haltung der Autorin geprägt ist: Crista Kramer von Reisswitz, im Vatikan seit langen Jahren als Korrespondentin für deutschsprachige Medien akkreditiert, macht aus ihrer Nähe zur katholischen Kirche keinen Hehl und setzt mit dem Amtsantritt von Papst Franziskus explizit auf eine „Erneuerung des Ansehens“ (207) dieser Institution. Wiederholt bezieht sie deshalb Stellung zum Beispiel dagegen, dass Angehörige der Kirche, die sich – etwa im Zusammenhang mit den Missbrauchsfällen – etwas haben zuschulden kommen lassen, nach „einer bewährten alten Masche“ (206) durch Beförderung weggelobt werden. Der neue Papst, auf den sie ihre Hoffnungen setzt, ist allerdings – so ist ihren Ausführungen zu entnehmen – mit finanziellen Skandalen und ungeklärten Morden der Vergangenheit ebenso konfrontiert wie mit innervatikanischen Interessengruppen. Die Autorin verdeutlicht, dass die von ihr beschriebene Erneuerung vor allem die innere Gestalt der katholischen Kirche zum Thema hat – und damit die Wiederherstellung der Glaubwürdigkeit, wie sie schreibt –, weniger aber die Lehre und den Umgang mit den Gläubigen. So zitiert sie aus einem Brief des späteren Papstes, in dem er die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Ehen in seinem Heimatland Argentinien als „‚eine Gebärde des Vaters der Lüge, welcher versucht, die Kinder Gottes zu verwirren und zu täuschen‘“ (68), bezeichnet. Aussagen über seelsorgerische Tätigkeiten sollten also nicht den Blick auf eine im Kern unveränderte Haltung der Kirche verstellen. Kramer von Reisswitz‘ Analyse profitiert eindeutig von den geradezu intimen Kenntnissen des Vatikans, die sie im Laufe ihrer Korrespondententätigkeit erwerben konnte. Befremdlich sind allerdings verschiedene Einschätzungen, die einer sachlichen Betrachtung abträglich sind. Dazu gehört der Versuch, ihrem Kollegen Gianluigi Nuzzi, der Dokumente vom päpstlichen Schreibtisch veröffentlichte („Vatileaks“), allein wirtschaftliche Motive zu unterstellen. Sie spricht dann davon, im Prozess gegen den Kammerdiener, der diese Dokumente stahl, „das Privileg“ gehabt zu haben, dem Angeklagten „eineinhalb Stunden lang ins Gesicht zu sehen“ (130). Ebenso sei es ein „Privileg“ gewesen, „dem Sitz des Opus [Dei …] einen Besuch abstatten zu dürfen“ (140) – und sie beklagt, der Orden sei in Deutschland lange „verunglimpft“ (139) worden. Auch kritisiert sie die deutschen Medien dafür, über die Verbindungen von Ministerpräsident Andreotti zur Mafia „ohne jegliche Einordnung in die geschichtlichen Umstände“ (164) berichtet zu haben. Eine professionelle Distanz zu den vatikanischen wie italienischen Verhältnissen hätte dem Buch keineswegs geschadet.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.61 | 2.23 | 2.21 | 2.22 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Crista Kramer von Reisswitz: Macht und Ohnmacht im Vatikan. Zürich: 2013, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/36879-macht-und-ohnmacht-im-vatikan_44975, veröffentlicht am 20.03.2014. Buch-Nr.: 44975 Inhaltsverzeichnis Rezension druckenDipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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