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/ 22.10.2015
Yasemin Shooman

"... weil ihre Kultur so ist". Narrative des antimuslimischen Rassismus

Bielefeld: transcript Verlag 2014 (Kultur und soziale Praxis); 256 S.; 29,99 €; ISBN 978-3-8376-2866-1
Diss. TU Berlin; Begutachtung: W. Benz, I. Attia. – Diese Dissertation ist eine wunderbar gelungene Form politischer (Selbst‑)Aufklärung. Indem Yasemin Shooman den Versuch unternimmt, in einer ebenso interdisziplinären wie multimethodischen Herangehensweise zu einem besseren Verständnis dessen beizutragen, was populistische Stimmen – etwa die Thilos Sarrazins – immer häufiger in die politische Öffentlichkeit tragen, nämlich rassistische Vorurteile gegenüber Muslim_innen, rührt sie an ein gegenwartsdiagnostisch überaus relevantes Thema. Begreift man Rassismus „als machtvolles, mit Rassenkonstruktionen operierendes oder an diese Konstruktionen anschließendes System von Diskursen und Praxen [...], mit welchen Ungleichbehandlung und hegemoniale Machtverhältnisse erstens wirksam und zweitens plausibilisiert werden“ (16), erschließt sich ohne Weiteres die an Foucault anknüpfende diskursanalytische Aufbereitung dieser spezifischen Spielart des Rechtspopulismus: „Ein Diskurs besteht also, kurz gesagt, aus regulierten Aussagen, die zu einem bestimmten Thema gemacht werden (können). Diskurse drücken sich nicht zwingend in schriftlich fixierten Texten aus, sondern auch in Bildern, Grafiken, Fotografien, Filmen etc.“ (18) Sprache – genauer: das Reden über eine bestimmte Gruppe von Menschen, egal auf welchem Medium dieses Reden basiert – und Politik sind demnach keine neutralen Entitäten, sie sind vermachtet, von Interessen durchsetzt. Im Falle des Rechtspopulismus gehen sie eine verhängnisvolle Symbiose ein, was besonders deutlich wird, wenn Shooman die Perpetuierung bestimmter Bilder von Andersartigkeit beschreibt. Da gibt es nicht nur das Kollektive ‚Wir‘ (‚die Deutschen’), das gegen ein Kollektives ‚Sie‘ (‚die Muslime’) abgegrenzt wird. Das Kollektive ‚Sie‘ wird weiter binnendifferenziert in gute und böse Muslime, sodass – egal, wie sich Muslime auch immer positionieren mögen – die Zuschreibung von Andersartigkeit durchgängig gewahrt bleibt. Diese Abgrenzung führe nicht nur zu einer nationalen Binnenintegration, so die Autorin, sondern plausibilisiere – auf anderen diskursiven Ebenen sehr erstaunlich – europäische Integration im Sinne der sogenannten abendländischen Kultur. Neben dieser detaillierten Rekonstruktion diskursiver Manifestationen von Macht, die auf beeindruckende Weise gelingt, bleibt noch genug zu tun: „Zukünftige Forschung“, der im Übrigen mit Text‑Mining‑Verfahren ganz neue Möglichkeiten der Analyse und Rekonstruktion öffentlicher Diskurse etwa auch auf Social‑Media‑Plattformen zur Verfügung stehen, „wird daher unter anderem der Frage nachgehen müssen, wie sich die diskursiv erzeugten Markierungen und Stigmata im Alltag der Betroffenen auswirken“ (223). Da kann man nur beipflichten, denn am Ende geht es – um Menschen.
{LEM}
Rubrizierung: 2.352.3332.36 Empfohlene Zitierweise: Matthias Lemke, Rezension zu: Yasemin Shooman: "... weil ihre Kultur so ist" Bielefeld: 2014, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/38992--weil-ihre-kultur-so-ist_46804, veröffentlicht am 22.10.2015. Buch-Nr.: 46804 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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