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/ 21.06.2013
Steven Beller

Antisemitismus. Aus dem Englischen übersetzt von Christian Wiese

Stuttgart: Philipp Reclam jun. 2009 (Reclam Sachbuch); 188 S.; 5,- €; ISBN 978-3-15-018643-5
Beller befasst sich in dieser knappen Einführung vorrangig mit neuzeitlichen Phänomenen des Judenhasses. Lesenswert, anschaulich und verständlich geschrieben, schildert er in acht mit Abbildungen versehenen Abschnitten die Entwicklung der neuzeitlichen Judenfeindschaft – von ihrer Vorgeschichte im christlichen Mittelalter, über das Aufkommen des Rassen- und des Politischen Antisemitismus Ende der 1880er-Jahre, Radikalisierungen im Umfeld des Ersten Weltkriegs bis hin zum Nationalsozialismus und seiner Vernichtungspolitik. Abschließend wird die Zeit nach 1945 betrachtet. Ein zentrales Anliegen von Beller ist es, die Ambivalenz des Antisemitismus in seinem Verhältnis zur Moderne herauszustellen, die eine eindeutige Zuschreibung als irrationalistischen Antimodernismus nicht zulässt, weil der Antisemitismus eine Erscheinungsform der Moderne war und einer eigenen inneren Rationalität folgte. Diese Grundannahme führt den Autor immer wieder auf die Entwicklung jüdischen Lebens in Europa. Stark pauschalisierend bemerkt er: „Das Hauptproblem des Großteils der zeitgenössischen Diskussion über den Antisemitismus besteht – im Gefolge der postmodernen Literaturkritik – darin, dass sie sich lediglich auf der diskursiven Ebene abspielt, so als weise der Antisemitismus keinerlei Beziehung zur Wirklichkeit jüdischer Existenz im 19. und frühen 20. Jahrhundert auf.“ (13) Gerade in einer knappen Einführung ist Bellers Vorgehensweise nicht ohne Risiko. Tatsächlich entgeht er nicht immer der Gefahr, dass die Wahrnehmung jüdischer Existenz durch den vorurteilsbeladenen Blick der Judengegner eingetrübt wird – zumal er auch keine Antwort darauf gibt, wie sich die Interpretation des Antisemitismus als moralisch verwerfliche, aber dennoch rationale Reaktion auf vermeintliches jüdisches Verhalten mit dem Phänomen eines ‚Antisemitismus ohne Juden‘ vereinbaren lässt. Die interessanten Fragen, die Beller aufwirft, lassen sich auf dem knappen Raum nicht beantworten. Wer in das Themenfeld einsteigen will, sollte parallel eine der anderen gängigen Einführungen konsultieren.
Gideon Botsch (GB)
Dr., Dipl. Pol., wiss. Mitarbeiter, Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien Potsdam (http://www.mmz-potsdam.de).
Rubrizierung: 2.232.252.312 Empfohlene Zitierweise: Gideon Botsch, Rezension zu: Steven Beller: Antisemitismus. Stuttgart: 2009, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/31664-antisemitismus_37729, veröffentlicht am 28.01.2010. Buch-Nr.: 37729 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
CC-BY-NC-SA