Skip to main content
/ 17.06.2013
Oskar Negt

Arbeit und menschliche Würde

Göttingen: Steidl 2001 (Schriften 1); 747 S.; geb., 29,- €; ISBN 3-88243-786-3
In einer Gesellschaft, die zu ihrer Selbstbeschreibung mehr und mehr auf die Prädikate der "Informations-" oder "Wissensgesellschaft" zurückgreift, dürfte es durchaus nicht mehr selbstverständlich erscheinen, die Begriffe "Arbeit" und "Würde" derart eng miteinander zu verkoppeln wie Negt es in dieser umfangreichen Auseinandersetzung mit der modernen Ökonomie tut. Der interne Zusammenhang besteht für ihn - der aus seiner Orientierung an der Tradition links-hegelianischer Sozialphilosophie keinen Hehl macht - in der allein von Arbeit gebotenen Möglichkeit, "durch gegenständliche Tätigkeit [...] die materiellen Grundlagen der Existenz zu sichern und dadurch in den Genuß der einzig verfügbaren öffentlichen Anerkennungsprivilegien zu gelangen" (15, 425 ff.). Zum Thema wird dieser Zusammenhang unter den gegenwärtigen Bedingungen in erster Linie negativ, nämlich durch den "Grundskandal" der Massenarbeitslosigkeit, die als Entzug von Arbeit für die Betroffenen zugleich "Realitätsentzug" bedeutet (15). So handelt das Buch einerseits - als Analyse der absehbaren Veränderungen unserer Arbeits- und Erwerbsgesellschaft - vom "großen Globalisierungsbetrug" (20); dabei will es zeigen, in welcher Weise einschlägige Fragen, etwa Flexibilisierungsstrategien, Bedeutung betriebswirtschaftlicher Rentabilitätskalküle oder gewerkschaftliche Handlungsoptionen, zum "gesellschaftspolitischen Kampfplatz" geworden sind, auf dem es längst nicht mehr um das bessere Argument geht (11). Andererseits ist das Buch aber auch der Entwurf einer anderen, nämlich "politischen Ökonomie lebendiger Arbeit" (22), die für Negt deckungsgleich ist mit einer "Ökonomie des Gemeinwesens" (540 ff.); eine zentrale Rolle nimmt in diesem Zusammenhang die in der Perspektive einer marxistischen Anthropologie interpretierte Kategorie der Ökonomie des "ganzen Hauses" (308 ff.) ein. Wer Negts Publikationen der letzten Jahre verfolgt hat - beispielsweise das zusammen mit Alexander Kluge verfasste "Geschichte und Eigensinn" (1981) - wird dessen spezifische Darstellungsform wiedererkennen: das Buch ist "keine Schreibtischgeburt" (21), sondern Zeugnis der lebendigen Einmischung eines durchaus parteilichen Sozialphilosophen in die Kämpfe um die künftige Gestalt der Arbeitsgesellschaft, komponiert aus öffentlichen Reden, Analysen und theoretischen Exkursen. Und es dokumentiert auch einen Lernprozess des Autors, insofern Negt die Fragestellung seiner 1984 erschienenen Streitschrift "Lebendige Zeit, enteignete Zeit" (Frankfurt a. M., Campus) wieder aufgreift - freilich in einer realistischeren und zugleich radikaleren Perspektive: habe er doch damals den "Erfindungsreichtum eines Kapitalismus, dem durch den Zusammenbruch der Systemalternativen [...] unerwartet hohe Legitimationsprofite zugewachsen sind, [...] bei weitem unterschätzt" (23). Inhaltsübersicht: I. Die Zeitdimension von Macht und Herrschaft; II. Drei Irrwege des gesellschaftlichen Krisenmanagements; III. Die Krise der Arbeitsgesellschaft; IV. Lebendige Arbeit, politische Kultur; V. Gemeinwesenarbeit auf dem Weg zur Weltgesellschaft.
Thomas Mirbach (MIR)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.225.42 Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Oskar Negt: Arbeit und menschliche Würde Göttingen: 2001, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/15667-arbeit-und-menschliche-wuerde_17864, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 17864 Rezension drucken
CC-BY-NC-SA