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/ 05.06.2013
André Gorz

Arbeit zwischen Misere und Utopie. Aus dem Französischen von Jadja Wolf. Vom Autor für die deutsche Ausgabe erweiterte und autorisierte Übersetzung

Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2000 (Edition Zweite Moderne); 208 S.; brosch., 32,- DM; ISBN 3-518-41017-2
Gorz, einer der unbeugsamen Repräsentanten der undogmatischen Linken, nimmt in dieser - 1997 zuerst in Frankreich erschienenen - Schrift eine sehr pointierte Abrechnung mit dem gesellschaftlichen Konstrukt "Arbeit" vor. Um eine Konstruktion handelt es sich, weil das, was gegenwärtig im Kontext von Arbeitslosigkeit und "jobless growth" diskutiert wird, allein Lohnarbeit betrifft: "Soll die "wirkliche Arbeit" gerettet und bewahrt werden, ist die Einsicht unabdingbar, daß diese nicht mehr bei der 'Arbeit' stattfindet" (11). Auf Basis dieser - nicht nur von Marxisten verwendeten - Differenzierung im Arbeitsbegriff behandeln die ersten drei Teile das "Elend der Gegenwart" (so der Originaltitel) am Formenwandel der Lohnarbeit im globalisierten Kapitalismus. Die dabei angesprochenen Phänomene des "supranationalen Kapitalstaats" (25) - wie Post-Fordismus, Flexibilisierung, lean production - sind zwar keine neuen Diskussions/index.php?option=com_content&view=article&id=41317, aber Gorz rückt sie in eine offensiv-politische Perspektive: "Sich der Globalisierung zu widersetzen [...] bedeutet unweigerlich die Kapitulation vor dieser Globalisierung." (26) Der Kampf für eine "andere Globalisierung" also gilt einem Gesellschaftszustand, in dem Lohnarbeit verschwindet. Dieses "Jenseits der Lohngesellschaft" erläutert Gorz an drei Stichworten: Im Konzept der Multiaktivität soll der andere Arbeitsbegriff zur Geltung kommen (102 ff.), dafür ist ein bedingungslos garantiertes Grundeinkommen die wesentliche institutionelle Voraussetzung (113 ff.); schließlich sieht er in Kooperationsringen (bzw. Tauschringen) aktuelle Praxisformen, in denen sich schon heute die Abkehr von der Lohnarbeit ausdrückt (147 ff.). In zwei Anhängen nimmt Gorz zu zentralen Fragen der gegenwärtigen Theoriedebatte Stellung: Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Kommunitarismus setzt am Begriffspaar Gemeinschaft/Gesellschaft an (169 ff.), Möglichkeiten von Gesellschaftskritik werden am Beispiel von Alain Touraine erörtert (181 ff.). Inhalt: I. Vom Sozialstaat zum Kapitalstaat: 1. Die große Weigerung; 2. Der Exodus des Kapitals; 3. Das Ende des ökonomischen Nationalismus; 4. Der breite Rücken der Globalisierung; 5. Die widerstehliche Diktatur der Finanzmärkte; 6. Der Traum vom chinesischen Wirtschaftswunder. II. Letzte Wandlungen der Arbeit: 1. Post-Fordismus; 2. Uddevalla; 3. Die Unterwerfung; 4. Autonomie und Selbstvermarktung; 5. Arbeit, die Arbeit abbaut; 6. Zum Wandel des Lohnsystems; 7. Die Prekarisierung betrifft alle. III. Die entzauberte Arbeit: 1. Der Mythos des sozialen Bandes; 2. Generation X oder die ungehörte Revolution; 3. Wandel der Werte - Rückstand des Politischen; 4. Sozialisieren oder erziehen? IV. Jenseits der Lohngesellschaft: 1. Multiaktivität als gesellschaftliche Alternative; 2. Auswege: 1. Einkommensgarantie; Plädoyer für die Bedingungslosigkeit; Jenseits des "Wertgesetzes"; 2. Umverteilung der Arbeit und Wiederaneignung der Zeit: Anders arbeiten; 3. Die Stadt verwandeln; SELs, LETS oder Kooperationsringe; Zurück zum Politischen. Nachwort: 1. Anhang: Gemeinschaft und Gesellschaft; 2. Anhang: Alain Touraine oder das Subjekt der Kritik.
Thomas Mirbach (Mir)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.22.222.2625.42 Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: André Gorz: Arbeit zwischen Misere und Utopie. Frankfurt a. M.: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/6680-arbeit-zwischen-misere-und-utopie_9011, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 9011 Rezension drucken
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