/ 22.06.2013
Friedrich-Ebert-Stiftung (Hrsg.)
Archiv für Sozialgeschichte. 50. Band 2010. Verwissenschaftlichung von Politik nach 1945
Bonn: Verlag J. H. W. Dietz Nachfolger 2010; XVIII, 719 S.; 68,- €; ISBN 978-3-8012-4201-5Im einleitenden Aufsatz erläutert Mitchell G. Ash seine bereits vielerorts publizierte These von Wissenschaft und Politik als Ressourcen für einander. Angesichts der intellektuellen Bewältigung der jüngsten Finanz- und Wirtschaftskrise verdient der Beitrag von Tim Schanetzky besondere Beachtung. Er widmet sich „Aporien der Verwissenschaftlichung“ (153) am Beispiel des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung („die fünf Weisen“) in den Jahren zwischen 1974 und 1988. In diesen Zeitraum fällt die Neuorientierung des Sachverständigenrates hin zu monetaristischen und neoklassischen Konzepten der Wirtschaftspolitik. Die Probleme dieser ökonomischen Denkschule, mit den konkreten Fragen des Strukturwandels in der Stahlbranche begrifflich und praktisch umzugehen, führten keineswegs zu einer Revision des wissenschaftlichen Bezugsrahmens: „Letztlich trug das Bewusstsein für den Misserfolg der eigenen Expertise maßgeblich dazu bei, dass sich die Expertenkritik“ an vorgeblichen strukturellen Verkrustungen, Inflexibilitäten, Überregulierungen etc. „radikalisieren und auf Dauer stellen konnte“ (167). Torben Lütjen zeichnet in seinem Beitrag „Vom ‚Gospel of Efficiency’ zum ‚War of Ideas’“ die großen Linien des Zusammenhanges von Wissenschaft, Politik und Ideologien in den USA im 20. Jahrhundert nach. Lütjen skizziert, wie sich dieses Verhältnis zwischen technokratischen Phantasien einer vollständigen Rationalisierung von Politik und einer starken individualistischen, antietatistischen, radikaldemokratischen, teilweise auch antiintellektuellen Tradition bewegt. Der Boom der Think Tanks seit den 70er-Jahren habe, so Lütjen, zu einer Verwischung der Grenze zwischen Interessengruppen und Wissenschaft geführt: „Als ‚Experten’ werden ihre Mitarbeiter [der Think Tanks] dennoch tituliert, allein: Niemand macht sich große Illusionen darüber, dass ihr Standpunkt schon fast zwangsläufig ein subjektiver ist.“ (391) Im umfangreichen – zum Teil nur im Internet abrufbaren – Besprechungsteil erregt aus politikwissenschaftlicher Perspektive insbesondere die Sammelrezension von Gottfried Niedhart zum Ost-West-Konflikt Interesse. Die Historisierung dieser gerade 20 Jahre zurückliegenden Epoche erscheint ausweislich der in 170 Fußnoten nachgewiesenen Literatur weit fortgeschritten.
Sebastian Lasch (LA)
M. A., wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 5.2
Empfohlene Zitierweise: Sebastian Lasch, Rezension zu: Friedrich-Ebert-Stiftung (Hrsg.): Archiv für Sozialgeschichte. 50. Band 2010. Bonn: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/33162-archiv-fuer-sozialgeschichte-50-band-2010_39630, veröffentlicht am 09.02.2011.
Buch-Nr.: 39630
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M. A., wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
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