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/ 17.06.2013
Antonia Grunenberg

Arendt

Freiburg i. Br./Basel/Wien: Herder 2003 (Herder Spektrum 4954); 160 S.; kart., 9,90 €; ISBN 3-451-04954-6
Hannah Arendts Arbeiten zählen längst zum klassischen Repertoire der politischen Theorie. Dies gilt nicht allein wegen ihrer weit beachteten Totalitarismustheorie: Vom antiken Politikbegriff sowie von Kant und Heidegger beeinflusst, hat Arendt vielmehr gerade das moderne, allein auf den Machtbegriff rekurrierende Politikverständnis immer wieder radikal infrage gestellt. Grunenberg, die das Hannah Arendt-Zentrum der Universität Oldenburg leitet, entwickelt in einer biografischen Einführung anhand der jeweiligen Hauptwerke die zentralen Fragen Arendts und das für ihr politisches Denken eigentümliche Verständnis von öffentlichem Raum, Freiheit und moderner Massengesellschaft. Die einzelnen Kapitel lassen sich so durchaus auch als Kurzeinführung zu den jeweiligen Werkabschnitten lesen, die mit ausgewählten Stationen aus dem Leben Arendts verbunden werden. Zentral bleibt dabei die totalitäre Erfahrung als „Bruch aller Traditionen des menschlichen Zusammenlebens" (59), die Arendt in „geradezu postmodern[er]" Weise zu einem politischen „Denken ohne Geländer" (144 ff.) gerade auch jenseits der überlieferten (geistes)wissenschaftlichen Bestände zwang. Obschon dem so genannten normativen Ansatz zugeordnet, hat Arendt dabei eine politische Theorie entwickelt, die als Konsequenz hieraus gerade nicht auf einen feststehenden Kanon moralischer Lehrsätze rekurriert und Moral zur Grundlage von Politik erklärt. Vielmehr hat sie „das Geheimnis des Politischen in der Fähigkeit des Anfangen-Könnens, des Begründens und des Versprechens, wieder entdeckt, das im Mittelpunkt des Athenischen Denkens stand und in der Moderne in den Hintergrund trat" (150). Diese existenzialistische Bedingung, die das Erlangen von politischer Freiheit jederzeit möglich macht, zugleich aber auch im Widerspruch zur modernen Fortschrittsgläubigkeit und ihrem Sekuritätsideal steht, ist es, was am Denken Arendts fasziniert. Und Grunenbergs Einführung macht genau hierauf neugierig.
Robert Chr. van Ooyen (RVO)
Dr., ORR, Hochschullehrer für Staats- und Gesellschaftswissenschaften, Fachhochschule des Bundes Lübeck; Lehrbeauftragter am OSI der FU Berlin sowie am Masterstudiengang "Politik und Verfassung" der TU Dresden.
Rubrizierung: 5.46 Empfohlene Zitierweise: Robert Chr. van Ooyen, Rezension zu: Antonia Grunenberg: Arendt Freiburg i. Br./Basel/Wien: 2003, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/16564-arendt_19025, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 19025 Rezension drucken
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