/ 22.06.2013
Projektgruppe "Zivilisationspolitik" (Hrsg.)
Aufbruch aus dem Patriarchat – Wege in eine neue Zivilisation?
Frankfurt a. M. u. a.: Peter Lang 2009 (Beiträge zur Dissidenz 23); 438 S.; brosch., 39,80 €; ISBN 978-3-631-58289-3Die Einleitung in den Band gerät Claudia von Werlhof reichlich plakativ: Friedenseinsätze seien Kriegseinsätze und brächten Unsicherheit und Diktatur, die westliche Zivilisation befinde sich im freien Fall und das Weltklima im Zusammenbruch. Die Autorin zeichnet das Bild einer aus den Fugen geratenen Welt leider wenig differenziert. Denn die folgenden Ausführungen geraten durchaus interessant. Die Autoren deuten die Moderne mit ihrer gegenwärtigen Entwicklung als Gipfel des kapitalistischen Patriarchats. Die Beiträge sind durch eine Vielzahl und Verschränkung historischer, politikwissenschaftlicher, kulturwissenschaftlicher und in ihren Prämissen auch psychoanalytisch fundierter Ansätze gekennzeichnet. Der Philosoph Mathias Behmann befasst sich mit der Grundlegung einer kritischen „Patriarchatstheorie“ (107). Er deutet die Gegenwart als Ergebnis der Verwirklichung patriarchaler Vorstellungen von Naturüberwindung, wie sie schon in der Antike im Ansatz bestanden, sich aber erst in der Neuzeit in eine die Natur bekämpfende und diese total objektivierende Programmatik umgesetzt hätten. Die Wissenschaft müsse daher die Gegenwart als „selbst gewählte Verfallsgeschichte“ und die Moderne als „antimütterliches Pseudo-Gebärprojekt“ (125) unter dem „Primat eines schöpferischen ‚Vaters‘“ (120) beschreiben. Dafür bedürfe es zukünftig einer matriarchalen Naturphilosophie und einer patriarchatskritischen Geschichtsphilosophie. Martin Haselwanter untersucht die Proteste auf dem G8-Gipfel 2007 in Heiligendamm. Er teilt die Teilnehmer in drei Gruppen ein, je nachdem wie systemimmanent, reformorientiert oder bereits auf ein gänzlich anderes System zielend sie argumentieren. Aus dieser Kritik werden die gewünschten Charakteristika einer „anderen Welt“ (393) ablesbar. Dabei wird politische, geschlechtliche und generationenübergreifende Gleichheit gefordert. Zudem zeigt sich ein subsistenzorientiertes Naturverhältnis. Haselwanter attestiert der Protestbewegung auch zukünftig „eine beträchtliche Antimacht“ (428).
Timo Lüth (TIL)
Student, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 5.42 | 2.22 | 2.27 | 2.312 | 2.331
Empfohlene Zitierweise: Timo Lüth, Rezension zu: Projektgruppe "Zivilisationspolitik" (Hrsg.): Aufbruch aus dem Patriarchat – Wege in eine neue Zivilisation? Frankfurt a. M. u. a.: 2009, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/32128-aufbruch-aus-dem-patriarchat--wege-in-eine-neue-zivilisation_38323, veröffentlicht am 20.05.2010.
Buch-Nr.: 38323
Inhaltsverzeichnis
Rezension drucken
Student, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
CC-BY-NC-SA