/ 22.06.2013
Martin Sebaldt / Alexander Straßner (Hrsg.)
Aufstand und Demokratie. Counterinsurgency als normative und praktische Herausforderung
Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2011; 353 S.; 39,95 €; ISBN 978-3-531-18254-4Wie geht die westliche Welt mit Aufständischen in Krisengebieten – allen voran in Afghanistan – um? Welche Unterschiede bestehen zwischen Theorie und praktischer Aufstandsbekämpfung? Schließlich: Wie begrenzt die Verfasstheit demokratischer Staaten den Ansatz? Die Autoren des Bandes sind ein eingespieltes Team an der Universität Regensburg, Sebaldt ist zudem als Oberst der Reserve über die Truppe im Bilde. Differenziert und doch prismenhaft werden die Fragen beantwortet; die Herausgeber haben junge Forscher mit Arbeits/index.php?option=com_content&view=article&id=41317 wie asymmetrische Konflikte, ethnische Unruhen, Guerillas, Nachrichtendienste, Praxis des ISAF-Einsatzes oder Geschichte von Militärdoktrinen versammelt – das Ergebnis zeigt, dass es sich lohnt, akademische Barrieren zu überwinden. Das Buch gliedert sich in drei Teile. Im ersten wird das wissenschaftliche Konzept Counterinsurgency unter die Lupe genommen: Wegen der Asymmetrie im Kampf müssen Aufständische von den Ressourcen der Bevölkerung isoliert werden – dazu ist eine gute Regierungsführung nötig, lautet die zentrale Aussage. Vertrauen („hearts and minds“) wird als ebenso wichtig herausgestellt wie eine effektive Polizei und Verwaltung („carrots and sticks“). Micro-Level-Incentives können etwa Stipendien für frühere Taliban- Kämpfer sein; das hier unerwähnte "Aussteigerprogramm" der NATO hat zum Ziel, dass Männer weiter eine registrierte Waffe tragen dürfen und nach afghanischem Verständnis ihr Gesicht wahren. Im zweiten Teil zur Militärstrategie dominiert ein Lob auf das „Field Manual 3-24“ der US-Armee, dessen Ziel militärische Hoheit über das Einsatzgebiet ist (und nicht Demokratisierung). Lokale Kräfte sollen befähigt werden, selbst für Ordnung zu sorgen. Ethik und Moral sind eher Beikost, wie der Index von „3-24“ zeigt. Zum amerikanischen Ansatz „clear – hold – build“ gehört hingegen klar die Etablierung ökonomischer Normalität; das ist Europa nicht so wichtig. Der dritte Teil entwirft leider kein Kontinuum an Einsatzintensität, Beispiele wie Malaya, Algerien und Vietnam stehen unverbunden nebeneinander, ohne die erwartete Lehre für künftige Konflikte. Mustergültige Typologien entschädigen allerdings den Rezensenten, der hinzusetzt: Ideologie ist nicht alles. Zuweilen entsteht ein neuer strategischer Ansatz schlicht aus Einsatzerfahrung.
Sebastian Liebold (LIE)
Dr., Politologe und Zeithistoriker, wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Technische Universität Chemnitz.
Rubrizierung: 4.41 | 4.1 | 2.61 | 2.67 | 2.68 | 2.25
Empfohlene Zitierweise: Sebastian Liebold, Rezension zu: Martin Sebaldt / Alexander Straßner (Hrsg.): Aufstand und Demokratie. Wiesbaden: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/34300-aufstand-und-demokratie_41169, veröffentlicht am 27.10.2011.
Buch-Nr.: 41169
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Dr., Politologe und Zeithistoriker, wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Technische Universität Chemnitz.
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