/ 21.06.2013
Julius H. Schoeps
Ausgewählte Schriften in zehn Bänden. Band 4: Über Juden und Deutsche. Historisch-politische Betrachtungen. Hrsg. von Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien
Hildesheim/Zürich/New York: Georg Olms Verlag 2010; 325 S.; 2., überarb. und erw. Neuaufl.; 22,80 €; ISBN 978-3-487-13958-6In diesem Lesebuch mit Texten, die zwischen 1978 und 2009 erstmalig publiziert wurden, unternimmt der Politikwissenschaftler Schoeps, Direktor des Moses Mendelssohn Zentrums für europäisch-jüdische Studien in Potsdam, einen aufschlussreichen Streifzug durch die jüdisch-deutsche Geschichte – beginnend im 18. Jahrhundert, in dem die sich herausbildenden staatlichen Strukturen, trotz der andauernden Diskriminierung, für die Juden in Grenzen ein Stück mehr Rechtssicherheit bedeuteten. Schoeps interessiert sich vor allem für Fragen wie die, ob „der vielbeschworene demokratische Konsens, zu dem sich die Bundesrepublik bekennt, vielleicht doch nur eine Maske [ist], hinter der die altbekannte Fratze des Antisemitismus und der brutalen Gewalt ist“ (9). Wie nah diese Frage vielleicht tatsächlich liegt, zeigt sich an den einzelnen Themen, mit denen sich Schoeps beschäftigt, wobei er die historische Betrachtung immer wieder an die Gegenwart anbinden kann. Das auffälligste Beispiel ist sicher die Seligsprechung von Pius X. im Jahr 2000. Eben jener Papst hatte die Entführung eines jüdischen Kindes, das heimlich von einem Dienstmädchen (!) getauft worden war, gebilligt und es unterstützt, den Eltern ihr Kind zu nehmen. In den Augen der jüdischen Welt sei diese Seligsprechung im Nachhinein eine Legitimation der antijüdischen Maßnahmen des Papstes gewesen, so Schoeps. Außerdem stellt er u. a. die Frage, warum eine Reihe deutscher Historiker unterschlage, dass „Hitlers Judenpolitik auf verschiedenen Ebenen die ‚stillschweigende Unterstützung’ (Saul Friedländer) der Bevölkerung erfuhr“ (107). Auch kritisiert er, dass seine Kollegen meist aus dem Blickwinkel der Verfolger über die Judenverfolgung der Nationalsozialisten schreiben und so die Opfer als passiv und als Zeugen der deutschen Schuld erscheinen. Schoeps erkennt darin ein Zeichen der Hilflosigkeit und der Unfähigkeit, den Opfern ihre eigene Identität zuzuerkennen. Die erste Ausgabe dieser Betrachtungen erschien 1986, für diese Neuauflage wurde etwa die Hälfte der Beiträge ausgetauscht.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.3 | 2.311 | 2.312 | 2.313 | 2.35 | 5.33 | 5.46
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Julius H. Schoeps: Ausgewählte Schriften in zehn Bänden. Band 4: Über Juden und Deutsche. Hildesheim/Zürich/New York: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/31654-ausgewaehlte-schriften-in-zehn-baenden-band-4-ueber-juden-und-deutsche_37719, veröffentlicht am 02.08.2010.
Buch-Nr.: 37719
Inhaltsverzeichnis
Rezension drucken
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
CC-BY-NC-SA