/ 22.06.2013
Kathrin Braun (Hrsg.)
Between Self-Determination and Social Technology. Medicine, Biopolitics and the New Techniques of Procedural Management
Bielefeld: transcript Verlag 2011; 272 S.; 30,80 €; ISBN 978-3-8376-1747-4Der menschliche Körper kann in unserer heutigen Gesellschaft als Sinnbild für eigenverantwortliche Entscheidungen und Selbstbestimmung angesehen werden, da es dem Menschen selbst obliegt, was er mit seinem Körper macht und wie er seiner Subjektivität optisch Ausdruck verleiht. Diese Selbstbestimmung ist vor allem dann besonders wichtig, wenn es um körperlich wichtige Fragen wie beispielsweise Fruchtbarkeit, Schwangerschaft oder Krankheit geht. Aber genau in jenen Bereichen, in denen sich der Mensch besonders stark wünscht, selbst über den eigenen Körper entscheiden zu können, werden die mannigfaltigen Techniken einer politischen Disziplinierung und der gezielte Einsatz von medizinischen Technologien für den Einzelnen (etwa als Patient) erfahrbar. Diese stark an Foucault angelehnte Auffassung einer Biopolitik wird in den Beiträgen anhand mehrerer konkreter Untersuchungen deutlich gemacht. So zeigt Marion Schumann auf, dass in den 1950er- und 1960er-Jahren in Deutschland zwei verschiedene Arten des Umgangs mit gebärenden Frauen etabliert wurden: Erstens die von Read entwickelte Methode, bei der werdende Mütter umfassend über den biologischen Vorgang vor, während und nach der Geburt informiert werden. Zweitens die von Saling entwickelte Methode, bei der Geburten geplant eingeleitet werden. Schumann stellt heraus, dass beiden Methoden eine Kontrolle durch die Mediziner – sei es mental oder physisch – gemeinsam ist, durch die die Geburt nicht mehr als etwas Natürliches angesehen wird, sondern als einen sozial beeinflussbaren Vorgang. Diese zunächst nur Privatpatientinnen vorbehaltene Möglichkeit spiegele den Zeitgeist wider, der Planung, Effizienz und Standardisierung als erstrebenswert ansieht. Helen Kohlen macht in ihrem Aufsatz exemplarisch an den USA deutlich, dass all das, was unter Bioethik verstanden wird, zwar doppeldeutig oder unklar, aber in Krankenhäusern bereits von Relevanz ist und Strukturen nachhaltig verändert. So wurden bioethische Komitees in US-amerikanischen Hospitälern gegründet, die konkrete Fälle deliberativ diskutieren sollen. Die dort verwandte Sprache basiert zwar auf einem eher prinzipiell-abstrakten Vokabular, allerdings wird es pragmatisch verwandt und ist daher hilfreich für den Umgang mit ethischen Fragen und ethisch umstrittener Forschung. Kohler weist nach, dass in den Komitees Fragen überwiegen, die die Autonomie des Patienten und die Rechtsgrundlage betreffen, Fragen der Verantwortlichkeit größtenteils aber nicht diskutiert werden.
Anja Franke-Schwenk (AF)
Dr. des., wiss. Mitarbeiterin, Institut für Sozialwissenschaften (Bereich Politikwissenschaft), Universität Kiel.
Rubrizierung: 2.263 | 2.23 | 2.343 | 2.35 | 2.61 | 2.64
Empfohlene Zitierweise: Anja Franke-Schwenk, Rezension zu: Kathrin Braun (Hrsg.): Between Self-Determination and Social Technology. Bielefeld: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/34143-between-self-determination-and-social-technology_40952, veröffentlicht am 12.04.2012.
Buch-Nr.: 40952
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Dr. des., wiss. Mitarbeiterin, Institut für Sozialwissenschaften (Bereich Politikwissenschaft), Universität Kiel.
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