/ 11.06.2013
Marianne Meyer-Krahmer
Carl Goerdeler - Mut zum Widerstand. Eine Tochter erinnert sich
Leipzig: Leipziger Universitätsverlag 1998; 295 S.; 2., durchg. und erw. Aufl.; brosch., 24,80 DM; ISBN 3-931922-92-8Die Erstausgabe erschien 1989 unter dem Titel: "Carl Goerdeler und sein Weg in den Widerstand. Eine Reise in die Welt meines Vaters" im Herder Verlag in Freiburg i. Br.
Es ist eine versunkene Welt, in die Meyer-Krahmer einführt, wenn sie kundig und sensibel den Lebensweg ihres Vaters Goerdeler schildert: Seine Kindheit in Ostpreußen, seine Zeit als Bürgermeister in Königsberg und als Oberbürgermeister in Leipzig. Versunken erscheint diese Welt, weil sie von einem konservativ-bürgerlichen, ganz dem Pflichtbewusstsein folgenden Lebensgefühl getragen ist, in das dann jäh der Nationalsozialismus einbricht, der alle überkommenen Werte radikal in Frage stellt. Goerdeler ist seiner alten Welt treu geblieben und hat aus dem festen Wertegefüge, dessen Herkunft christlich und preußisch war, die Kraft geschöpft, den neuen Herren und ihrer neuen Herrenmoral zu widerstehen. Wie schwierig dieser Weg gewesen sein muss, wird anschaulich deutlich, wenn die Tochter über den Opportunismus vieler Entscheidungsträger, über die durch die (Schein-)Erfolge des Regimes in der Bevölkerung vorhandene Begeisterung und über die Rückschläge des sich in den verschiedenen Kreisen organisierenden Widerstands berichtet. Aber auch Ermutigung und Unterstützung hat Goerdeler erfahren, bemerkenswerterweise sogar von deutschen Industriellen wie Robert Bosch und Friedrich Krupp.
Die Selbstgerechtigkeit, mit der manche Nachgeborene den Widerstand Goerdelers als nationalistisch-reaktionär abtun, erhält durch dieses Buch wahrlich keine Nahrung. Denn es zeigt, dass es die tradierte Wertewelt war, die den Mut zum Widerstand gab. Zudem floss durchaus manches, was Goerdeler beispielsweise in Verbindung mit Walter Eucken und Ludwig Erhard an Konzepten für das Nachkriegsdeutschland entwickelte, in den Aufbau der neugegründeten Bundesrepublik ein. Und schließlich ist in Rechnung zu stellen, welche Erfahrung die Damaligen mit Republik bisher gemacht hatten: Sie war der Nährboden, auf dem zwei totalitäre Ideologien gedeihen konnten. Um sich gegen ein vorschnelles Urteil zu wappnen, sei dieses intelligente und intensive Buch dringend zur Lektüre empfohlen. Es macht deutlich, welche Folgen eine Politik ohne Moral hat und welche Kraft andererseits von einem moralisch motivierten Politiker ausgehen kann, auch wenn er äußerlich gescheitert zu sein scheint.
Barbara Zehnpfennnig (BZ)
Prof. Dr., Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, Universität Passau.
Rubrizierung: 2.312
Empfohlene Zitierweise: Barbara Zehnpfennnig, Rezension zu: Marianne Meyer-Krahmer: Carl Goerdeler - Mut zum Widerstand. Leipzig: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/10854-carl-goerdeler---mut-zum-widerstand_12836, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 12836
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Prof. Dr., Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, Universität Passau.
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