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/ 22.06.2013
Eckart Conze / Norbert Frei / Peter Hayes / Moshe Zimmermann

Das Amt und die Vergangenheit. Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik

München: Karl Blessing Verlag 2010; 880 S.; 34,95 €; ISBN 978-3-89667-430-2
Dass diese Veröffentlichung unterschiedliche Reaktionen auslösen würde, war zu erwarten. Denn zu sehr und zu lange war der Umgang mit dem Nationalsozialismus hinsichtlich der Rolle des Auswärtigen Amtes von Verdrängung geprägt, nicht zuletzt bedingt durch den Widerstands-Mythos, der 1945 im Zusammenhang mit dem Weizsäcker-Prozess konstruiert wurde. Längst war deshalb eine historisch-politische Auseinandersetzung überfällig. Deren Ergebnisse überraschen im Ganzen nicht, sind doch zahlreiche Quellen schon des Längeren in den vom Auswärtigen Amt herausgegebenen einschlägigen Bänden der „Akten zur Deutschen Auswärtigen Politik” allgemein zugänglich. Die notwendige geschichtswissenschaftliche Aufarbeitung unter Einbezug weiterer Quellen durch eine 2005 vom damaligen Außenminister Fischer berufene unabhängige Historikerkommission leistet diese Auseinandersetzung vor allem unter akteursgeschichtlichen und intentionalen Gesichtspunkten. Dabei geht es nicht nur um die Mitwisser- beziehungsweise Mittäterschaft des Auswärtigen Amtes am Holocaust, sondern ebenso um die Karrieren solcher Mitwisser bzw. Mittäter im Staatsdienst der Bundesrepublik Deutschland, insbesondere im diplomatischen Dienst. Damit ist der Band ein doppelt wichtiger Beitrag. Er relativiert in seinem ersten Teil den Mythos vom Widerstand des Auswärtigen Amtes. So war das Amt zum Beispiel an der Entscheidung über die „Endlösung” (185) direkt beteiligt und Ulrich von Hassell übernahm erst nach seinem Ausscheiden aus dem Auswärtigen Dienst eine aktive Oppositionsrolle. Der zweite Teil des Bandes legt die (erstaunlich) hohe personelle Kontinuität des Auswärtigen Dienstes vom Dritten Reich zur Bundesrepublik offen; darin wird der oft wenig kritische Umgang des Amtes mit seiner Vergangenheit nachgezeichnet – bis hin zum Nüßlein-Nachruf in der Mitarbeiterzeitung des Amtes, der 2003 die diplomatischen Verdienste des 1994 pensionierten langjährigen deutschen Generalkonsuls in Barcelona würdigte, die Rolle Nüßleins in der NS-Zeit als Generalreferent für Angelegenheiten der deutschen Strafjustiz beim Deutschen Staatsministerium für Böhmen und Mähren jedoch verschwieg und ihn sogar als „Opfer der Nachkriegs-CSSR” (707) auswies.
Klaus Kremb (KK)
Dr., Oberstudiendirektor, Wilhelm-Erb-Gymnasium Winnweiler, Lehrbeauftragter, Fachgebiet Politikwissenschaft, TU Kaiserslautern.
Rubrizierung: 2.352.3124.212.3222.313 Empfohlene Zitierweise: Klaus Kremb, Rezension zu: Eckart Conze / Norbert Frei / Peter Hayes / Moshe Zimmermann: Das Amt und die Vergangenheit. München: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/32935-das-amt-und-die-vergangenheit_39337, veröffentlicht am 01.03.2011. Buch-Nr.: 39337 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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