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/ 19.06.2013
Claus J. Duisberg

Das deutsche Jahr. Einblicke in die Wiedervereinigung 1989/1990

Berlin: wjs verlag 2005; 392 S.; geb., 24,90 €; ISBN 3-937989-09-9
Matthias Platzeck von der Grünen Liga, Minister ohne Geschäftsbereich im Kabinett Modrow, fürchtete im Frühjahr 1990 eine Fremdbestimmung der DDR durch die Bundesrepublik. Und im Sommer trug bei den Vereinigungsverhandlungen „eine emsige graue Maus“ mit „von keinem Lächeln getrübter Ernsthaftigkeit“ (245) Papiere hin und her. Es war Angela Merkel. Die Beispiele der beiden Politiker sind ein Indiz dafür, wie grundlegend sich Deutschland mittlerweile gewandelt hat. Die Weichen für diese Veränderungen wurden im „deutschen Jahr“ gestellt, das eigentlich zwei umfasst: 1989 und 1990. Der Diplomat Duisberg war von 1986 bis 1990 im Bundeskanzleramt für die Beziehungen zur DDR zuständig, anschließend leitete er die Dienststelle des Auswärtigen Amtes in Berlin und arbeitete als Beauftragter für den Abzug der russischen Truppen. Sein Buch über die Wiedervereinigung ist als private Erinnerung angelegt und versteht sich als Ergänzung zu wissenschaftlichen Arbeiten. Dieser Ansatz verleiht ihm die Freiheit, einzelne Politiker ungeschminkt zu charakterisieren sowie die Ereignisse aus Sicht der bundesdeutschen Innenpolitik nicht nur zu beschreiben, sondern auch (auffällig ausgewogen) zu kommentieren. Duisbergs Blick auf die untergehende DDR war sicher auch davon geprägt, dass er von 1978 bis 1982 an der Ständigen Vertretung in Ost-Berlin tätig war und damit diesen Staat und seine Bürger aus erster Hand kannte. Für den damaligen Bundeskanzler Kohl konstatiert er allerdings, dass dessen Verständnis von dem, was die DDR-Bürger wollten und zu leisten vermochten, „von Stereotypen geprägt [war], die ihm den Blick für manches in der Realität trübten“ (217). Dessen Hoffnung, das Wirtschaftswunder wiederholen zu können, habe angesichts der jahrzehntelangen wirtschaftlichen Misere der DDR keine Basis gehabt. Nach Duisbergs Ansicht hätte man es zudem bei den in der DDR entstandenen Eigentums- und Besitzverhältnissen belassen sollen und sich damit vielleicht einiges an Fehlentwicklungen erspart, denn: „In der Geschichte gibt es keine Wiedereinsetzung in den vorigen Stand.“ (209)
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.3152.314 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Claus J. Duisberg: Das deutsche Jahr. Berlin: 2005, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/21486-das-deutsche-jahr_28565, veröffentlicht am 25.06.2007. Buch-Nr.: 28565 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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