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/ 22.06.2013
Klaus Dörre / Matthias Neis

Das Dilemma der unternehmerischen Universität. Hochschulen zwischen Wissensproduktion und Marktzwang

Berlin: edition sigma 2010 (Forschung aus der Hans-Böckler-Stiftung 116); 178 S.; 14,90 €; ISBN 978-3-8360-8716-2
Das Verständnis von Forschung und Lehre als Selbstzweck zur gesellschaftlichen Wissensproduktion sei im Kontext von Versuchen wirtschaftlicher Indienstnahme der Universität immer mehr bedroht, heißt es in der Einführung. Das in Deutschland traditionelle Modell von „staatlicher Detailsteuerung und operativer Selbstverwaltung der Wissenschaft, gilt schon lange nicht mehr als Erfolgsmodell“. Dem werde das Modell der unternehmerischen Universität gegenübergestellt, die sich, um der „Innovationskonkurrenz des informationellen Kapitalismus“ (13) gewachsen zu sein, zu einer wettbewerbsfähigen, profil- und strategiescharfen Akteurin umbilden müsse. Dörre und Neis untersuchen nun anhand von problemzentrierten Experteninterviews die doppelte Fragestellung, wie Universitäten ökonomisch messbare Innovationsergebnisse fördern können und in welcher Weise sich der Übergang zum Konzept der unternehmerischen Universität auf Innovationsprozesse auswirkt. Die Umstrukturierungen zur unternehmerischen Universität sind bisher kaum abgeschlossen, doch konstatieren die Autoren, dass sich auch die zahlreichen klassischen Innovationsblockaden wie etwa verkrustete Verwaltungsstrukturen, professorale Machtkämpfe, Ressourcenkonflikte etc. im neuen Steuerungsmodell nicht erwartungsgemäß aufzulösen scheinen. Demgegenüber halten die Autoren fest, dass es schon an der „alten“ Universität erstaunlich erfolgreiche Ausgründungen gab. Diese Fallgeschichten legten nahe, dass dies mit einer „vermeintlichen Fehlfunktion“, einer „Organized Anarchy“ (111), zusammenhänge. Jene organisierten Anarchien böten Freiräume für kollektive Arbeitsprozesse, die von den Autoren als zentral für Innovationen genannt werden. Diese Freiräume würden jedoch im neuen Modell nicht ausreichend berücksichtigt oder geradezu zerstört. Sie plädieren daher nicht für eine Umkehr, wohl aber für ein anderes Modell, das gerade den universitären Mittelbau stärker in den Blick nimmt. Die Studie basiert auf den Ergebnissen eines Forschungsprojektes zu der Rolle von Universitäten in regionalen Innovationsprozessen, das von 2006 bis 2008 an der Friedrich-Schiller-Universität Jena durchgeführt wurde.
Timo Lüth (TIL)
Student, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.3432.3422.3 Empfohlene Zitierweise: Timo Lüth, Rezension zu: Klaus Dörre / Matthias Neis: Das Dilemma der unternehmerischen Universität. Berlin: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/33046-das-dilemma-der-unternehmerischen-universitaet_39478, veröffentlicht am 09.11.2010. Buch-Nr.: 39478 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
CC-BY-NC-SA