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/ 18.06.2013
Francis Fukuyama

Das Ende des Menschen. Aus dem Amerikanischen von Klaus Kochmann

Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt 2002; 351 S.; 2. Aufl.; geb., 24,90 €; ISBN 3-421-05517-3
Fukuyama hat seine These vom "Ende der Geschichte" revidiert, und zwar aufgrund der gesellschaftlichen Folgen aus der Biotechnologieentwicklung, die ihn an die Huxley'sche Vision der "schönen neuen Welt" erinnern. In seinem neuen Buch fragt er in einer gut lesbaren und leicht verständlichen Abhandlung nach den Folgen, die sich aus verschiedenen Entwicklungen - von der Hirnforschung bis zur Humangenetik - in der "Humanbiotechnologie" für das Verständnis von liberalen Demokratien und das Wesen der Politik ergeben. Er sucht nach politischen Argumenten jenseits der Religion zur Regulierung dieser Entwicklungen und findet sie im naturrechtlichen Konzept der politischen Gleichheit. Er argumentiert, die Biotechnologie könne zu einer "posthumanen" Gesellschaft führen, weil sie es ermögliche, in die menschliche Natur einzugreifen. Deren natürliche Gleichheit sei zentrale Voraussetzung für das Konzept von Menschenrechten und Menschenwürde und somit von politischer Gleichheit. Die Biotechnologie gefährde dieses Konzept in subtilerer Weise, als es etwa auch durch andere Technologie geschieht, da hier positive und negative Aspekte eng beieinander lägen. Fukuyama plädiert für eine politische Kontrolle dieser Entwicklung. Denn Naturwissenschaft könne nicht aus sich selbst heraus eigene Legitimität produzieren und vertrete nicht per se allgemeine Interessen. So sei die Fähigkeit zur Selbstkontrolle z. B. durch die starke Kommerzialisierung in der Biotechnologie reduziert, sodass sich die Notwendigkeit staatlicher Politik stellt. Während für die Agrarbiotechnologie vor allem in den USA und in der EU ein relativ dichter Regulierungsrahmen für Forschung und Anwendung geschaffen worden sei, fehle dieser für die Humanbiotechnologie noch weitgehend bzw. seien durch die neuen Entwicklungen Regulierungslücken entstanden. Hierfür sollten und müssten nun neue, starke, nationale und internationale Institutionen geplant werden, die in der Lage sind, solche Normen zu schaffen und durchzusetzen, welche es erlauben, zwischen nützlichen, da therapeutischen, und bedrohlichen, da perfektionierenden, Anwendungen zu unterscheiden. Solche Kontrollinstanzen müssten - und dieser Vorschlag ist für US-Verhältnisse, noch dazu für einen Regierungsberater, geradezu revolutionär - "alle Arten von Forschung und Entwicklung" überwachen, d. h. "nicht nur die mit Bundesmitteln geförderte[n]" (296). Bemerkens- und begrüßenswert an Fukuyamas Buch ist sein starkes Plädoyer und seine fast unerschütterliche Zuversicht in die Regulierbarkeit der Entwicklung, die sich speist aus seinem Glauben an die "Freiheit politischer Gemeinschaften, die Werte zu schützen, die ihnen am teuersten sind" (301). Allerdings greift seine Analyse dort zu kurz, wo er den Staat allein als Regulierungsinstanz für die Forschung proklamiert, seine Rolle als "Forschungsförderer" nur kurz thematisiert. Denn viele dieser Entwicklungen in der Biotechnologie wären ohne aktive staatliche Förderprogramme - und damit dem politischen Willen hierzu - nicht möglich gewesen, allen voran das Humangenomprojekt. Somit muss eine Analyse der Regulierungsmöglichkeiten konsequenterweise auch bei der staatlichen Forschungspolitik selber ansetzen, bei ihren gesellschafts- und industriepolitischen Prämissen sowie den Entscheidungsprozessen. Inhalt: I. Wege in die Zukunft: 1. Über zwei negative Utopien; 2. Die Wissenschaften vom Gehirn; 3. Neuropharmakologie und Verhaltenskontrolle; 4. Die Verlängerung des Lebens; 5. Genetische Manipulation; 6. Warum wir uns Sorgen machen sollten. II. Mensch sein: 7. Menschenrechte; 8. Menschliche Natur; 9. Menschenwürde. III. Was tun? 10. Die politische Kontrolle der Biotechnologie; 11. Wie wird die Biotechnologie heute kontrolliert? 12. Strategien für die Zukunft.
Gabriele Abels (GAB)
Prof. Dr., Professur für Innen- und EU-Politik, Universität Tübingen.
Rubrizierung: 2.25.42.232.263 Empfohlene Zitierweise: Gabriele Abels, Rezension zu: Francis Fukuyama: Das Ende des Menschen. Stuttgart: 2002, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/17221-das-ende-des-menschen_19815, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 19815 Rezension drucken
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