/ 05.06.2013
Felix Philipp Lutz
Das Geschichtsbewußtsein der Deutschen. Grundlagen der politischen Kultur in Ost und West
Köln/Weimar/Wien: Böhlau Verlag 2000 (Beiträge zur Geschichtskultur 19); 423 S.; brosch., 74,- DM; ISBN 3-412-13498-8Politikwiss. Diss. Mainz; Gutachter: W. Weidenfeld. - Lutz unternimmt in dieser aktualisierten und gekürzten Fassung seiner Dissertation aus dem Jahre 1998 den Versuch, das Geschichtsbewusstsein der Deutschen in seiner Relevanz für die politische Kultur der Bundesrepublik herauszuarbeiten: "Individuelles und kollektives Geschichtsbewußtsein bestimmt die Politik und unseren Alltag, es beeinflußt unser Leben in stärkerem Maße, als wir uns dessen bewußt sind. Unser Geschichtsbewußtsein entscheidet darüber, ob wir Soldaten in den Kampf schicken, Denkmäler bauen, Jahrestage feiern oder Entschädigungen zahlen. Es entscheidet auch darüber, welche familiären Traditionen wir pflegen, welche Dorffeste gefeiert werden und wie wir unsere Erinnerungen bewahren." (X) Trotz der offensichtlich großen Bedeutung von Geschichtsbewusstsein fehlt es jedoch an systematischen Operationalisierungen und empirischen Untersuchungen zu diesem Thema. Hier kann die Arbeit durch die Analyse der im Rahmen eines Forschungsprojektes der Forschungsgruppe Deutschland durchgeführten drei Erhebungen aus den Jahren 1989 bis 1991 eine Lücke schließen. Im Einzelnen handelt es sich dabei um eine qualitative Untersuchung (ECG - Extended Creativity Group) von Juli bis November 1989 in der alten Bundesrepublik, eine weitere qualitative Untersuchung in der noch bestehenden DDR aus dem Sommer 1990 sowie schließlich eine Repräsentativbefragung in den alten Bundesländern im Februar/März 1991. Die Erhebungszeiträume lassen schon darauf schließen, dass die deutschlandpolitischen Ereignisse dieser Wochen und Monate die ursprüngliche Anlage der Untersuchung in erheblichem Maße verändern würde. Gleichwohl sieht Lutz die behutsam der neuen Lage angepassten Thesen und Erhebungsinstrumente seiner Studien auch unter Zuhilfenahme einiger Daten seit 1991 bestätigt. Der Anhang gibt die verschiedenen Fragebogen und Auswertungslisten wieder. Die von Lutz anhand einer Faktoren- und Clusteranalyse der Daten entwickelten fünf Verarbeitungsmuster zum Geschichtsbewusstsein typologisiert er mit den Stichworten Verdrängung, Konformismus, Skeptizismus, Verantwortungsbewusstsein und Verklärung. Diese grobe Zuordnung wird dann anhand der Einstellungen dieser Gruppen zu den Themenbereichen "Beschäftigung mit Geschichte und Politik", "Vergangenheitsverarbeitung", "Identität und Einheit", "Gegenwart" und "Außenpolitik" näher entfaltet. So ist etwa die Vergangenheitsverarbeitung des Typus "Verklärung" von Relativierung gekennzeichnet, die Frage nach der eigenen Identität wird in den Kategorien von Nationalstolz und Ethnozentrismus beantwortet, in der Gegenwart äußert sich Wohlstandschauvinismus und Systemkritik, die mit einer Ablehnung der Ostpolitik auf außenpolitischem Felde einhergehen. Entsprechend fasst Lutz den Typus Verantwortungsbewusstsein eher in Vorstellungen von Freiheitsbewusstsein und Verfassungspatriotismus, um nur einige anzuführen. Als gemeinsam in Ost und West vorhandene Grundlagen für eine auf dem Geschichtsbewusstsein aufbauende Politik nennt Lutz: "[E]ine positive Grundhaltung zur Europäischen Union, die Lehre 'nie wieder Krieg', die häufige Nennung der deutsch-französischen Freundschaft als wichtige Nachkriegserrungenschaft, die Betonung der Hilfe durch die Amerikaner nach dem Kriegsende und nicht zuletzt das Bewußtsein, dass erst die Demokratie Freiheit und Wohlstand ermöglicht." (353)
Manuel Fröhlich (MF)
Prof. Dr., Juniorprofessur für Politikwissenschaft, Universität Jena (www.manuel-froehlich.de).
Rubrizierung: 2.35 | 2.31
Empfohlene Zitierweise: Manuel Fröhlich, Rezension zu: Felix Philipp Lutz: Das Geschichtsbewußtsein der Deutschen. Köln/Weimar/Wien: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/7945-das-geschichtsbewusstsein-der-deutschen_10532, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 10532
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Prof. Dr., Juniorprofessur für Politikwissenschaft, Universität Jena (www.manuel-froehlich.de).
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