/ 11.06.2013
Lothar Gall (Hrsg.)
Das Jahrtausend im Spiegel der Jahrhundertwenden
Frankfurt a. M.: Propyläen Verlag 1999; 432 S.; geb., 58,- DM; ISBN 3-549-05779-2So selbstverständlich wir dem Jahrtausendwechsel entgegen fieberten, so wenig taten dies unsere Vorfahren, denn erst seit etwa 1800 verbanden sie mit einem Jahrhundertwechsel große Zukunftsperspektiven, Hoffnungen auf Wandel und technischen Fortschritt. Daß sich Fortschritt oder Wandel nicht an den Kalender gehalten haben (und dies wahrscheinlich auch weiterhin nicht tun werden), ergibt sich zwangsläufig aus der interessanten und anregenden Lektüre der Beiträge, die sich auf die deutsche bzw. mitteleuropäische Geschichte konzentrieren. Unsere Vorfahren, die bis ins 18. Jahrhundert hinein kirchlich-religiös geprägt waren, entwickelten erst spät ein gesteigertes Bewußtsein dafür, daß sich die politischen wie gesellschaftlichen Rahmenbedingungen gravierend verändert hatten. Daraus entwickelte sich nicht nur die Erkenntnis, wonach Geschichte nicht in immer den gleichen Zyklen abläuft, sondern vor allem die Erwartung, daß die Zukunft weitere Veränderungen bringen kann. Mit der industriellen Revolution um 1800 hat sich diese Erwartungshaltung verstärkt; sie erfuhr für den Jahrhundertwechsel 1900 eine beinahe euphorische Dimension, die sich nahtlos in die scheinbar grenzenlosen Erwartungen für das kommende Jahrtausend fortführen läßt. Mit Blick auf das "kurze" 20. Jahrhundert, das gemäß Hobsbawm 1989 endete, wird die Euphorie allerdings gedämpft: "Das 20. Jahrhundert zeigte in Europa eine Menschheit, die sich politisch ungewöhnlich bedenkenlos und mordlustig, technisch ungewöhnlich schlau, wirtschaftlich ungewöhnlich sorglos verhielt." (416)
Inhalt: 1000: Johannes Fried: Ritual und Vernunft - Traum und Pendel des Thietmar von Merseburg (15-63). 1100: Hagen Keller: Am Scheideweg - die lateinische Christenheit im Richtungsstreit (65-105). 1200: Kaspar Elm: Innozenz III.: das Papsttum auf der Höhe seiner Macht (107-135). 1300: Jürgen Miethke: Das "Jubeljahr" Bonifaz' VIII.: päpstlicher Anspruch auf Weltgeltung (137-175). 1400: Peter Moraw: Papstschisma und Krise der Monarchien (177-204). 1500: Heinz Schilling: Neue Welten und die Spaltung der Kirche - die "Zeit der Reformation" (205-240). 1600: Paul Münch: Ordnungen im Umbruch - Angst und Vernunft (241-284). 1700: Rudolf Vierhaus: Zwischen "Alteuropa" und "Moderner Welt" (285-312). 1800: Lothar Gall: Aufbruch in die Moderne: Revolution oder Reform? (313-341). 1900: Klaus Hildebrand: "Was das 19. Jahrhundert Alles brachte" oder "Die gute neue Zeit" (343-378). 2000: Gustav Seibt: Endliche Welt, kein Ende der Geschichte (379-418).
Axel Gablik (AG)
Dr., Historiker.
Rubrizierung: 5.3 | 2.23 | 2.61
Empfohlene Zitierweise: Axel Gablik, Rezension zu: Lothar Gall (Hrsg.): Das Jahrtausend im Spiegel der Jahrhundertwenden Frankfurt a. M.: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/11002-das-jahrtausend-im-spiegel-der-jahrhundertwenden_13006, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 13006
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Dr., Historiker.
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