Skip to main content
/ 06.06.2013
Leonore Ansorg / Bernd Gehrke / Thomas Klein / Danuta Kneipp (Hrsg.)

"Das Land steht still – noch!" Herrschaftswandel und politische Gegnerschaft in der DDR (1971-1989)

Köln/Weimar/Wien: Böhlau Verlag 2009 (Zeithistorische Studien 40); 394 S.; geb., 54,90 €; ISBN 978-3-412-14306-0
„Da ein anderes Ventil zunächst nicht zur Verfügung stand, äußerte sich der noch diffuse, über Jahre angestaute Unwillen der DDR-Bürger im Herbst 1989 in massenhafter Unterstützung des Neuen Forums“, schreibt Christof Geisel. Spätestens mit dem Auftreten der Westparteien aber habe sich die „lebensweltliche Kluft“ (289) zwischen Opposition und Mehrheitsgesellschaft gezeigt – diese sei sogar noch tiefer gewesen als der politische Dissens, der die SED von ihren Untertanen getrennt habe. Geisel stützt diese Interpretation darauf, dass die Oppositionellen im Laufe der 80er-Jahre die nationale Frage fast peinlich vermieden, das Problem der Freizügigkeit nicht in der gebotenen Schärfe thematisiert und den erzwungenen Konsumverzicht nicht kritisiert haben – dies seien aber die Themen gewesen, die die Bürger beschäftigt hätten. Diese von Geisel konstatierte Selbstmarginalisierung der Opposition stützt nicht unbedingt die mit diesem Band verfolgte Intention: Die Herausgeber skizzieren ein Forschungsdesign, mit dem die DDR-Opposition – obgleich sie „eine Angelegenheit von Minderheiten“ (19) gewesen sei – in den Entwicklungsprozess der DDR-Gesellschaft eingebettet werden soll. Zu eröffnen sei ein sozialgeschichtlicher Zugang zur Erforschung der Opposition, um die Wechselwirkungen mit der gesellschaftlichen Entwicklung und der staatlichen Repression herausarbeiten zu können. Zuerst stehen die Strafrechtspolitik, das Strafvollzugsgesetz und die -praxis im Mittelpunkt, gefolgt von Analysen über verschiedene soziale Gruppen und die Versuche des Regimes, diese zur Anpassung zu zwingen. Am Beispiel der „Asozialen“ zeigt sich aber, dass die Mehrheitsgesellschaft durchaus rigider ausgrenzen konnte „als dies staatlicherseits intendiert war“ (Sven Korzilius, 179). Im dritten Teil wird die oppositionelle Praxis in den 70er- und 80er-Jahren thematisiert. Die Herausgeber stellen auf der Basis der Beiträge fest, dass die Mehrheit der Bevölkerung stabil in das diktatorisch beherrschte Gesellschaftsgefüge integriert und damit nur ein sehr enger Spielraum für eine Oppositionsbildung geblieben war.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.314 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Leonore Ansorg / Bernd Gehrke / Thomas Klein / Danuta Kneipp (Hrsg.): "Das Land steht still – noch!" Köln/Weimar/Wien: 2009, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/9021-das-land-steht-still--noch_32046, veröffentlicht am 08.04.2009. Buch-Nr.: 32046 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
CC-BY-NC-SA