/ 22.06.2013
Dorothée Bores
Das ostdeutsche P.E.N.-Zentrum 1951-1998. Ein Werkzeug der Diktatur?
Berlin/New York: Walter de Gruyter 2010 (Studien und Texte zur Sozialgeschichte der Literatur 121); XVI, 1.087 S.; 179,95 €; ISBN 978-3-11-023385-8Diss. Mainz; Gutachter: E. Fischer. – Wie spiegelt sich die schnell vollzogene staatliche Einheit Deutschlands nach 1989 in Organisationen des kulturellen Sektors wider? Dieser Frage widmet sich Bores am Beispiel der beiden deutschen P.E.N.-Zentren. Besonders aufschlussreich ist diese Beschäftigung, da es ganze neun Jahre bis zum Vollzug der Einheit gedauert hat. Die Autorin führt dies vor allem darauf zurück, dass der P.E.N. aufgrund der internationalen Charta einen hohen moralischen Anspruch besitzt, der als Basis einer Auseinandersetzung um die Rolle von Schriftstellern und Intellektuellen im Umgang mit diktatorischen Regimen gedient hat. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht das Verhältnis der Schriftstellervereinigung und ihrer Mitglieder zum DDR-Regime. Bores plädiert für eine Differenzierung der Beurteilung zwischen institutioneller und persönlicher Geschichte. „Beim P.E.N.-Zentrum DDR handelt es sich nicht um eine originäre Gründung des DDR-Staates, wie gerade in der Vereinigungsdebatte häufig (un)bewusst suggeriert wurde. […] Die Spaltung war eine Folge des Kalten Krieges, der auf dem Boden der Kultur nicht weniger intensiv als auf jenem der Weltpolitik ausgefochten wurde.“ (974) Der ostdeutsche P.E.N. sei sogar stärker als legitimer Nachfolger des 1933 aufgelösten gesamtdeutschen P.E.N. anzusehen. Die Organisation habe aber sehr schnell die damit verbundene Legitimität „moralisch und politisch durch das Paktieren mit den Mächtigen des SED-Systems verspielt“ (975), wobei noch zu bemerken ist, dass bis in die 60er-Jahre hinein am Ziel einer gesamtdeutschen Vertretung der Schriftsteller festgehalten wurde und die politische Einflussnahme erst danach verstärkt stattfand. Auf der persönlichen Ebene stellt Bores fest, dass neben den überzeugten Ideologen im Präsidium auch unter den normalen Mitgliedern wenig Bemühung zu dokumentieren war, die durchaus vorhandenen Spielräume für intellektuelle Freiheit und kritischen Diskurs im Rahmen des P.E.N. auszuloten. Eine „pauschale Verurteilung der einzelnen P.E.N.-Mitglieder und ihrer moralischen Befindlichkeit, wie sie zum Teil in der emotional geprägten Wiedervereinigungsdebatte nach 1989 erfolgt ist, verbietet sich indes.
Markus Lang (ML)
Dr., Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 2.314
Empfohlene Zitierweise: Markus Lang, Rezension zu: Dorothée Bores: Das ostdeutsche P.E.N.-Zentrum 1951-1998. Berlin/New York: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/33412-das-ostdeutsche-pen-zentrum-1951-1998_39977, veröffentlicht am 25.01.2011.
Buch-Nr.: 39977
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Dr., Politikwissenschaftler.
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