/ 11.06.2013
Panajotis Kondylis
Das Politische und der Mensch: Grundzüge der Sozialontologie. Band 1: Soziale Beziehung, Verstehen, Rationalität. Aus dem Nachlaß hrsg. von Falk Horst
Berlin: Akademie Verlag 1999; X, 715 S.; geb., 148,- DM; ISBN 3-05-003113-1Seit einiger Zeit läßt sich in Philosophie und Sozialwissenschaften unter der Bezeichnung "Sozialontologie" ein zunehmendes Interesse an sozialtheoretischen Grundlagenfragen erkennen. Die neue Sozialontologie stellt zwar kein einheitliches Forschungsprogramm dar, sondern wird von Forschern unterschiedlicher theoretischer Provenienz betrieben. Jedoch eint die verschiedenen sozialontologischen Ansätze die Frage nach der Eigenart des sozialen Seins, die allen von den Sozialwissenschaften untersuchten Einzelphänomenen vorausgeht und zugrunde liegt. Eine solche Sozialontologie hat weder etwas mit dem zu tun, was man in der Politikwissenschaft den "normativ-ontologischen" Ansatz nannte noch mit einer unkritischen Metaphysik, die die Einsichten der modernen Erkenntniskritik ignorierte. Manche Sozialontologen wie Searle (siehe ZPol 1/98: 460 f.) kommen vielmehr aus dem Lager der in metaphysikkritischer Tradition stehenden analytischen Philosophie. An einer eigenständigen Sozialontologie arbeitete auch der in deutscher Sprache publizierende griechische Privatgelehrte Kondylis in den letzten Jahren vor seinem frühen Tod 1998. Den ersten des auf drei Bände angelegten Unternehmens hatte Kondylis bereits weitgehend fertiggestellt. Er wurde nunmehr aus dem Nachlaß von Horst herausgegeben. In einer Bestandsaufnahme der zeitgenössischen - von Kondylis als "massendemokratisch" bezeichneten - Sozialtheorien (wobei er sich insbesondere der Systemtheorie und ihrer Entwicklung von Parsons bis Luhmann zuwendet) arbeitet der Autor zunächst deren ideologischen Charakter heraus, den er darin sieht, daß diese Theorien das (z. T. idealisierte) Selbstverständnis der massendemokratischen Gesellschaften reproduzieren. Das führe dazu, daß an partikularen Konstellationen gewonnene Einsichten verabsolutiert würden, ohne daß nach den theoretischen Voraussetzungen solcher Modelle gefragt werde. Genau hierin aber besteht die Aufgabe der Sozialontologie: Sie erhebt den Anspruch, die allgemeinen Voraussetzungen zu beschreiben, die allen historischen sozialen Konstellationen vorausliegen und die daher auch zeitgenössische Sozialtheorien – wenngleich meist unausgesprochen – voraussetzen müssen. Die Klärung dieser Tiefendimensionen des Sozialen ermöglicht die Einsicht in die Zeitgebundenheit bzw. Relativität der jeweiligen Theorien, wobei die Sozialontologie diese Theorien nicht ersetzen will; sie macht keine Aussagen über konkrete Entwicklungen oder aktuelle Trends. Sie klärt allein deren allgemeine Voraussetzungen: "Sozialontologie bietet kein oberstes oder ausschließliches inhaltliches oder normatives Kriterium zur Betrachtung menschlicher Gesellschaft und Geschichte, sie liefert nur jene Grundlagenanalyse, aus der hervorgeht, warum die Aufstellung eines solchen Kriteriums unmöglich ist. [...] Sozialontologie sagt, was im allgemeinen ist, sie erklärt nicht, was in der Regel oder im einzelnen Fall eintritt oder eintreten muß. Solche Erklärung ist die Sache [...] der Sozialwissenschaften, die dementsprechend Kausalitäten ermitteln oder nach Regelmäßigkeiten suchen" (186 f.). Die Durchführung des ambitionierten Unternehmens erfolgt Schritt für Schritt in immer wieder vorgenommener kritischer Auseinandersetzung mit anderen Theorien (etwa der formalen Soziologie, dem Rational-choice-Ansatz oder dem methodologischen Individualismus), die Kondylis souverän für seine Überlegungen fruchtbar zu machen versteht. Die von ihm dabei entfaltete Sozialontologie rekonstruiert das Soziale als von drei analytisch unterscheidbaren Faktoren bestimmt: der sozialen Beziehung, dem Politischen und dem Menschen. In diesem Band wird in erster Linie der Faktor der sozialen Beziehung behandelt, während die ausführliche Auseinandersetzung mit dem Politischen und die Anthropologie Gegenstand der beiden Folgebände sein sollten. Auch diese Bände sollen veröffentlicht werden, obgleich sie nur in fragmentarischer Form vorliegen. Bereits der vorliegende Band hält indes eine Vielzahl von Einsichten über menschliche Sozialität bereit, die als fruchtbare Herausforderung für das gegenwärtige sozialtheoretische Denken begriffen werden müssen. Besonders erwähnenswert ist dabei, daß sich Kondylis einer unprätentiösen Sprache bedient, die vom Leser nicht verlangt, eine neue Terminologie zu erlernen, sondern die es ihm ermöglicht, sich direkt auf die Argumentation einzulassen. Dies wiederum bereitet nicht zuletzt deshalb viel intellektuelle Freude, weil Kondylis aus einem beeindruckenden Fundus an Gelehrsamkeit schöpft, die nie zur Selbststilisierung mißbraucht, sondern allein um einer Vertiefung unserer Einsichten willen offenbart wird. Dieses Lesevergnügen wird nur unwesentlich durch die vergleichsweise häufigen Druckfehler und die zum Ausdruck kommende mangelnde Sorgfalt der Edition und Lektorierung des Bandes getrübt.
Michael Henkel (MH)
Priv.-Doz. DR., Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 5.42
Empfohlene Zitierweise: Michael Henkel, Rezension zu: Panajotis Kondylis: Das Politische und der Mensch: Grundzüge der Sozialontologie. Berlin: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/10668-das-politische-und-der-mensch-grundzuege-der-sozialontologie_12614, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 12614
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Priv.-Doz. DR., Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
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