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/ 21.06.2013
Gerd Schultze-Rhonhof

Das tschechisch-deutsche Drama 1918-1939. Errichtung und Zusammenbruch eines Vielvölkerstaates als Vorspiel zum Zweiten Weltkrieg

München: Olzog 2008; 409 S.; hardc., 34,- €; ISBN 978-3-7892-8265-2
„Die Wahrheit siegt, aber sie kann nur siegen, wenn sie gesagt wird” (5). Dass der Autor seinen Ausführungen, die den Anspruch erheben, Licht ins Dunkel der tschechisch-deutschen Beziehungen in der Zeit zwischen 1918 und 1939 zu bringen, den Satz des tschechischen Reformators Jan Hus voranstellt, mag dem Leser suggerieren, dass es andere Schriften zum Thema gibt, die eben diese unterschlagen oder unvollständig wiedergeben. Im Zentrum der Arbeit steht die Prager Politik gegenüber den in der Tschechoslowakei lebenden Deutschen, und hierfür scheint das für die Überschrift gewählte Wort „Drama” eine sehr treffende Wahl zu sein. Schultze-Rhonhof verliert dennoch nicht die anderen Minderheiten des Landes aus den Augen, denn von dem Gründungsversprechen, auf dem Erbe Habsburgs eine Art neuer Schweiz zu errichten, in der alle Volksgruppen friedlich und vor allem gleichberechtigt nebeneinander leben sollten, entfernte sich die Realpolitik sehr schnell. So fanden sich bald auch Slowaken, Polen, Ruthenen und Ungarn in einem Staat wieder, in dem die Tschechen den Ton angaben. In zwölf Kapiteln spannt der Autor den Bogen seiner Betrachtung von der Entstehung der Tschechoslowakei über die junge Republik und die Konsolidierung der Herrschaft der Tschechen über die anderen Minderheiten bis hin zum Zerfall der Einheit und der Zerschlagung des Staates im Jahr 1939. In seiner flüssig geschriebenen, gut lesbaren und an Zitaten reichen Argumentation leugnet Schultze-Rhonhof zwar nicht die Hauptschuld Hitlers an der sich bald nach Ende des Staates anschließenden Eskalation der Lage in Europa. Dass er aber genauso die Mitschuld der Tschechen am Untergang ihrer ersten Republik sowie die Doppelmoral der Siegermächte des Ersten Weltkrieges hinsichtlich des Selbstbestimmungsrechts der Völker, das für die Ethnien der Tschechoslowakei so nicht galt, ins Feld führt, bringt seine „Wahrheit” einer Verteidigung des politischen Handelns der damaligen deutschen Regierung gefährlich nahe. Die Gefahr, dass er für sein legitimes Ansinnen Applaus von der falschen Seite erhält, ist groß.
Michael Vollmer (MV)
M. A., Politikwissenschaftler, wiss. Mitarbeiter, Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, TU Chemnitz.
Rubrizierung: 4.24.214.222.3112.312 Empfohlene Zitierweise: Michael Vollmer, Rezension zu: Gerd Schultze-Rhonhof: Das tschechisch-deutsche Drama 1918-1939. München: 2008, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/30102-das-tschechisch-deutsche-drama-1918-1939_35688, veröffentlicht am 26.02.2009. Buch-Nr.: 35688 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
CC-BY-NC-SA