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/ 20.06.2013
Klaus Wiegrefe

Das Zerwürfnis. Helmut Schmidt, Jimmy Carter und die Krise der deutsch-amerikanischen Beziehungen

Berlin: Propyläen Verlag 2005; 524 S.; geb., 28,- €; ISBN 3-549-07250-3
Als Helmut Schmidt im Herbst 1982 per konstruktivem Misstrauensvotum vom Bundestag abgewählt wurde, war dies nicht zuletzt eine Folge davon, dass seine Partei ihm die Gefolgschaft in der Frage des NATO-Doppelbeschlusses verweigert hatte. Kurioserweise hatte Schmidt diesen Beschluss zusammen mit dem amerikanischen Präsidenten Carter durchgesetzt, mit dem ihn ansonsten herzlich wenig außer einer tiefgehenden wechselseitigen Abneigung verband. Der Historiker und Spiegel-Journalist Wiegrefe zeichnet die Geschichte der deutsch-amerikanischen Beziehungen Ende der siebziger Jahre nach. Nie zuvor war das bilaterale Verhältnis so schlecht gewesen. Aus den Aufzeichnungen der Beteiligten wird deutlich, dass persönliche Abneigungen eine große Rolle spielten. Carter hatte seine Schwierigkeiten mit Schmidts intellektuellem Hochmut, und der deutsche Bundeskanzler konnte seine Verachtung für die mangelnde Führungsstärke des Amerikaners nicht verbergen. Wiegrefe arbeitet die psychologischen Hintergründe des beiderseitigen Zerwürfnisses plastisch heraus. In mancher Hinsicht hält er es zudem für erwiesen, dass „die Schwierigkeiten, sich in die Lage des jeweils anderen zu versetzen“ (19) mit ursächlich für die Probleme waren. Er verschweigt aber auch nicht, dass größere politische Entwicklungen das deutsch-amerikanische Verhältnis veränderten. Das „goldene Zeitalter“ der bilateralen Beziehungen sei zu Ende gewesen. Die USA hätten ihre wirtschaftliche Dominanz nach dem Ölschock verloren, und auch der Wert der amerikanischen Sicherheitsgarantie sei gesunken. Umgekehrt sei die Bundesrepublik eine Mittelmacht geworden, die mehr und mehr ihre eigenen Interessen verfolgen wollte: „Washington erwartete mehr Unterstützung, Bonn mehr Autonomie.“ (372) Wiegrefe rekonstruiert diese Prozesse auf breiter Quellenbasis. Er wirft damit erstmals einen umfassenden Blick auf eine bislang noch nicht eingehend untersuchte Periode der deutsch-amerikanischen Beziehungen. Seine Studie ist wissenschaftlich fundiert und noch dazu spannend zu lesen – eine seltene Kombination im deutschen Wissenschaftsbetrieb.
Walter Rösch (WR)
M. A., Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 4.24.214.222.64 Empfohlene Zitierweise: Walter Rösch, Rezension zu: Klaus Wiegrefe: Das Zerwürfnis. Berlin: 2005, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/23981-das-zerwuerfnis_27589, veröffentlicht am 25.06.2007. Buch-Nr.: 27589 Rezension drucken
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