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/ 21.06.2013
Ulf Brunnbauer / Michael G. Esch / Holm Sundhaussen (Hrsg.)

Definitionsmacht, Utopie, Vergeltung. "Ethnische Säuberungen" im östlichen Europa des 20. Jahrhunderts

Berlin: Lit 2006 (Geschichte: Forschung und Wissenschaft 9); 302 S.; brosch., 29,90 €; ISBN 978-3-8258-8033-0
Die massenhaften Tötungen und gezielten Vertreibungen in der jüngeren Geschichte Ost-, Süd- und Ostmitteleuropas und insbesondere im ehemaligen Jugoslawien haben die Wertmaßstäbe in der internationalen Politik verändert, heißt es in der Einleitung der Herausgeber. Waren Bevölkerungsumsiedlungen und -austausche zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch „ein legitimes Mittel internationaler und nationaler Politik“ (11), so werden spätestens seit Beginn der 90er-Jahre sogenannte ethnische Säuberungen auf der internationalen Ebene politisch geächtet. In diesem Band werden die Ursachen und Folgen ethnischer Säuberungen aus zweierlei Perspektive analysiert: Zum einen geht es um die Darstellung ausgewählter realhistorischer Vorfälle (z. B. die Vertreibung der Deutschen aus Polen und der Tschechoslowakei sowie die Geschehnisse im ehemaligen Jugoslawien). Zum anderen wird die Auseinandersetzung mit Flucht und Vertreibung im öffentlichen Diskurs und die Frage nach einer angemessenen Erinnerungskultur thematisiert. Den Fallstudien vorangestellt sind zwei übergreifende Beiträge über die Entstehung des Problems der nationalen Minderheiten und deren Vertreibung. Dabei macht Lemberg auf eine „tief verwurzelte Zwangsvorstellung“ (48) aufmerksam, wonach interethnische Konflikte nur durch die über ethnische Säuberungen herzustellende nationale Homogenität zu lösen wären. Und weil das Streben nach ethnonationaler Homogenität für alle ethnisch motivierten Vertreibungen ursächlich sei, argumentiert Sundhaussen, sei „die jeweilige kollektive Erinnerung an Vertreibung [...] immer national oder völkisch aufgeladen und reproduziert damit gerade das, was zur Vertreibung geführt hat. Vertreibung als nationaler Erinnerungsort ist daher kontraproduktiv“. (31) Deshalb plädiert er für eine Erinnerungskultur im europäischen Kontext. Der Band ist das Ergebnis einer Ringvorlesung am Osteuropa-Institut der FU Berlin im Jahre 2004 sowie der im selben Jahr vom Centre Marc Bloch veranstalteten Tagung „Gedächtnis – Erfahrung – Historiographie“.
Anke Rösener (AR)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 4.422.352.232.612.252.632.312 Empfohlene Zitierweise: Anke Rösener, Rezension zu: Ulf Brunnbauer / Michael G. Esch / Holm Sundhaussen (Hrsg.): Definitionsmacht, Utopie, Vergeltung. Berlin: 2006, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/28346-definitionsmacht-utopie-vergeltung_33374, veröffentlicht am 03.04.2008. Buch-Nr.: 33374 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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