/ 22.06.2013
Ulrich Bahrke (Hrsg.)
"Denk' ich an Deutschland..." Sozialpsychologische Reflexionen
Frankfurt a. M.: Brandes & Apsel 2010; 216 S.; 19,90 €; ISBN 978-3-86099-669-060 Jahre nach Gründung der Bundesrepublik und 20 Jahre nach dem Fall der Mauer wurde auf einer Tagung am Sigmund Freud-Institut in Frankfurt über Deutschland und die Deutschen nachgedacht. Dies geschah mit der Intention, in einem interdisziplinären Dialog die psychoanalytische Perspektive auf das Thema mit soziologischen, sozialpsychologischen, historischen und politikwissenschaftlichen Sichtweisen zu ergänzen. Umgekehrt lässt sich nun fragen, ob aus politikwissenschaftlicher Sicht psychoanalytische Deutungen einen Erkenntnisgewinn versprechen. Mit Blick auf die Beiträge lässt sich dies durchaus bejahen, selbst wenn man nicht an die Existenz eines Über-Ichs glaubt. Ein anschauliches Beispiel für die produktive Verquickung beider Disziplinen bietet die Psychologin und Politikwissenschaftlerin Angelika Ebrecht in ihrem Beitrag, in dem sie die Konturen eines autoritären Charakters sowie einer demokratischen Persönlichkeit herausarbeitet. Sie argumentiert dann, dass die Vorstellung, eine Demokratie bringe eine gesündere Persönlichkeit hervor als eine Diktatur, dem Ideal des Neuen Menschen aus dem 19. und 20. Jahrhundert entspringt. Ebrecht lehnt diese Vorstellung nicht nur unter Hinweis auf andere Kategorien wie die eines moralischen oder mafiösen Charakters ab: „Je näher wir dem Ideal der demokratischen Persönlichkeit zu kommen scheinen, desto stärker bilden sich an den politischen Rändern jedoch Persönlichkeitsideale aus, die eine Rückkehr des Dämonischen auch in die Mitte unserer Gesellschaft fürchten lassen.“ (69) Im ersten Teil der interdisziplinären Annäherungen befasst sich zudem u. a. Gerd Koenen mit der psychologischen Ausgangssituation der Bundesrepublik, deren Bürger die deutsche Teilung als Preis für die NS-Verbrechen akzeptierten und so die DDR „zu einem weißen Fleck auf der Netzhaut ihres Weltbildes“ (24) werden ließen. Im zweiten Teil reflektieren die Autoren sehr verschiedene persönliche Erfahrungen. Annette Simon beschreibt offen ihre einstige, von ihrem Leben in der DDR geprägte Sympathie für die RAF – und identifiziert nun RAF und Stasi als „Gebilde nachfaschistischen Denkens“ (92). Das Tagungsthema wird im dritten Teil noch einmal mit Hinweis auf sozialpsychologische Studien, etwa zur frühkindlichen Fremdbetreuung in der DDR, empirisch bearbeitet. Insgesamt wird mit den Beiträgen ein erhellender Eindruck davon vermittelt, wie „Trauma, Erinnerung und kollektive Identität“ (35, Werner Bohleber) ineinander greifen und politisch wirksam sind.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.3 | 2.315 | 2.314 | 2.313 | 2.35
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Ulrich Bahrke (Hrsg.): "Denk' ich an Deutschland..." Frankfurt a. M.: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/33402-denk-ich-an-deutschland_39963, veröffentlicht am 10.05.2011.
Buch-Nr.: 39963
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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