/ 17.06.2013
Hannah Arendt
Denktagebuch. 1950 bis 1973. In zwei Bänden. Hrsg. von Ursula Ludz und Ingeborg Nordmann in Zusammenarbeit mit dem Hannah-Arendt-Institut, Dresden
München/Zürich: Piper 2002; 1.232 S.; Ln., 118,- €; ISBN 3-492-04429-8Gegenüber Freunden sprach Arendt von ihrem "Denktagebuch". Doch die 28 vollständig erhaltenen Hefte, in denen sie von 1950 bis 1973 ihre handschriftlichen Aufzeichnungen festhielt, stellen kein herkömmliches Tagebuch dar. Sie enthalten vielmehr Denkexperimente und -bewegungen, die ihr dazu dienen, heimisch zu werden in der Welt, d. h. zu verstehen. "Verstehen in der Politik heisst nie, den Anderen verstehen (nur die welt-lose Liebe 'versteht' den Anderen), sondern die gemeinsame Welt so, wie sie dem Anderen erscheint." (451) Im skizzenhaft interpretierenden und kommentierenden Dialog mit sich selbst begibt sie sich in einen gemeinsamen Denkraum mit den Großen der Philosophie. Indem sie maßgebliche Einsichten politischer Denker heranzieht und bedenkt, bahnt sie sich ihren eigenen - in den Büchern entfalteten urteilsstarken Zugang zur Welt. Die Protokolle ihres Gespräches mit sich selbst zeigen, wie Arendt der Wirklichkeit des 20. Jahrhunderts auf die Spur zu kommen versucht. Neben ihren kurzen und pointierten begriffsgeschichtlichen Studien trägt sie darüber hinaus auch Aphorismen und sogar Gedichte in ihr Denktagebuch ein. Der von Ludz und Nordmann aus dem Deutschen Literaturarchiv zutage geförderte Schatz birgt in der zweibändigen Fülle einen kostbaren Reichtum. Ganz unvermittelt eröffnet sich dem Leser Arendts persönliche Sicht auf ihre Methode, die philosophische und politische Tradition des Abendlandes von Platon bis Heidegger zu befragen. Die sorgsam redigierte und mit detaillierten Kommentaren versehene Ausgabe besticht durch ihren erstaunlichen Kenntnisreichtum. Die Bände, die mit einem ausführlichen wissenschaftlichen Apparat ausgestattet sind, gewähren einen tiefen Einblick in die geistigen Stationen von Arendts politischem Denken.
Karl-Heinz Breier (KHB)
Prof. Dr., Institut für Sozialwissenschaften und Philosophie, Universität Vechta.
Rubrizierung: 2.1 | 5.46
Empfohlene Zitierweise: Karl-Heinz Breier, Rezension zu: Hannah Arendt: Denktagebuch. München/Zürich: 2002, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/16900-denktagebuch_19415, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 19415
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Prof. Dr., Institut für Sozialwissenschaften und Philosophie, Universität Vechta.
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