/ 22.06.2013
Philip Cassier
Der andere Weg. Deutschland und der Westen in den westdeutschen Debatten 1945-1960
Frankfurt a. M. u. a.: Peter Lang 2010; 373 S.; 59,80 €; ISBN 978-3-631-59476-6Geschichtswiss. Diss. HU Berlin; Gutachter: W. Hardtwig, L. Herbst. – Cassier konterkariert mit dieser ideengeschichtlichen Untersuchung die politische Westorientierung der jungen Bundesrepublik mit den Auffassungen „besonders exponierte[r] Vertreter der Geisteswissenschaften“ (9) und einiger Intellektueller. Zentrale Begriffe sind Westeuropa, Europa, Abendland. Er filtert heraus, „was den Deutungseliten als Westen galt und wie sie die deutsche und westliche Geschichte ins Verhältnis setzen“ (192). Es mag nicht überraschen, dass nach 1945 erst einmal kein neuer Begriff des Westens erarbeitet wurde. „Die überwiegende Mehrzahl der Historiker blieb unter einer lediglich semantisch leicht veränderten Oberfläche bei dem, was sie schon vor 1945 postuliert hatten.“ (192) Ihre Werke dürften für die demokratische Umerziehung der Deutschen kaum hilfreich gewesen sein, so Cassier. Hervorgehoben wurde vor allem die deutsche humanistische Tradition, die Konservativen lehnten nach wie vor die westlich geprägte Moderne grundsätzlich ab, die Katholiken sahen außerdem das Mittelalter in einer Vorbildfunktion. Mit dem mittelalterlichen Abendland sei damit zugleich etwas genuin Westliches beschrieben worden – hatte es sich doch im Abwehrkampf gegen die Mächte des Ostens befunden. Mit dem Begriff des Westens, der bei den Besatzungsmächten kein Aufsehen erregte, war also das Abendland gemeint, mit dem „das überkommene deutsche Sonderbewußtsein“ (195) weiter konserviert werden konnte. Insgesamt „war der Transfer kulturkritischen Gedankenguts über die Jahre 1933 und 1945 hinweg mehr als beträchtlich“ (330). Nicht erörtert wird allerdings die Frage, ob diese Ablehnung des Westens über die Grenzen der Zunft hinaus nennenswert wirksam war – zumal bald doch ganz andere Themen eine Rolle spielten. So endet der Untersuchungszeitraum sicher nicht zufällig 1960 – ein Jahr später zum Beispiel wies Fritz Fischer in „Griff nach der Weltmacht“ dem Deutschen Reich die Verantwortung am Ausbruch des Ersten Weltkriegs nach und mit der anschließenden Kontroverse verschoben sich die Koordinaten des geschichtswissenschaftlichen Diskurses ebenso wie durch die einsetzende Aufarbeitung des NS-Regimes.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.3 | 2.35 | 2.31 | 2.313
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Philip Cassier: Der andere Weg. Frankfurt a. M. u. a.: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/32379-der-andere-weg_38638, veröffentlicht am 19.07.2010.
Buch-Nr.: 38638
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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