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/ 11.06.2013
Pico Iyer

Der Dalai Lama. Politiker, religiöser Führer und Mystiker. Ein Porträt. Deutsch von Erika Ifang

München: Goldmann 2008; 349 S.; 18,95 €; ISBN 978-3-442-33814-6
„Die Vorstellung, das alte Tibet könnte wie durch Zauberhand wiederauferstehen, entbehrt schlichtweg jeder Grundlage“ (311), schreibt der Publizist Iyer. Das „‚Ich weiß nicht’“ (310) des Dalai Lamas auf die Frage nach der Zukunft aber sei optimistisch – auch, weil sich historische Ereignisse wie das Ende der Apartheid oder der Fall der Mauer immer wieder überraschend schnell ereigneten. Ein Funken Hoffnung für Tibet und die Welt ist die Quintessenz dieser Autobiografie, die zugleich eine Bestandsaufnahme der Situation der Exiltibeter ist, die im indischen Dharamsala leben. Immer mehr nehmen sie den Lebensstil ihres Gastlandes an, während ihre Landsleute in der Heimat ihre Kultur durch Unterdrückung verlieren – Tibet verschwindet. Der Dalai Lama, der uneingeschränkt die Prinzipien der Gewaltlosigkeit vertritt, setzt aber auf längerfristige Entwicklungen, die er durch seine Politik fördert: „Wenn in dreißig Jahren in Tibet sechs Millionen Tibeter und zehn Millionen chinesische Buddhisten leben, dann ist es vielleicht wieder okay“ (316), zitiert Iyer ihn. Dieser Blick gründet sich auf jahrzehntelange Erfahrungen als weltliches und geistliches Oberhaupt der Tibeter, geschildert von einem Autor, der den Dalai Lama seit seiner Kindheit kennt und ihn immer wieder als Journalist gesprochen hat. Iyer, der kein Buddhist ist, ist jede Wahrnehmung des Dalai Lamas als lebender Gott fremd (eine ohnehin falsche Zuschreibung, die aus dem Chinesischen stamme), kann aber eine Ahnung davon vermitteln, dass der tibetische Buddhismus reich an Riten wie tiefgründigen Reflexionen ist, die sich in der völlig anderen Kultur des Westens kaum vermitteln lassen. Der Dalai Lama beschränkt sich in der Öffentlichkeit daher meist auf allgemeinere Aussage, zumal er schnell gemerkt hatte, dass die Welt kaum bereit ist, den Tibetern zu helfen, dafür aber interessiert ist an ethischen Fragen. Vielleicht deshalb wird etwas vom alten Tibet bleiben. Immerhin „hat es gewagt, einen Mönch als Staatsoberhaupt einzusetzen, in der Hoffnung, er könne den Gang der Politik von innen her verändern“ (292).
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.12.68 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Pico Iyer: Der Dalai Lama. München: 2008, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/9599-der-dalai-lama_34863, veröffentlicht am 07.10.2008. Buch-Nr.: 34863 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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