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/ 19.12.2013
Anne Applebaum

Der Eiserne Vorhang. Die Unterdrückung Osteuropas 1944-1956. Aus dem amerikanischen Englisch von Martin Richter

München: Siedler Verlag 2012; 637 S.; 29,99 €; ISBN 978-3-8275-0030-4
„Nichts in ihrer Geschichte oder ihrer Kultur bestimmte“ die Staaten in der Mitte und im Osten Europas „automatisch zu totalitären Diktaturen“ (24). Aber in nur wenigen Jahren wurden sie mithilfe einheimischer Kommunisten von der Sowjetunion dazu gemacht. Die Historikerin Anne Applebaum fragt nach den konkreten Ereignissen auf diesem Weg, wer genau diese bewirkte und warum ihnen gefolgt wurde. Dass ihr Rückgriff auf das Konzept des Totalitarismus dabei nicht den Blick einschränkt, sondern schärft, zeigt sich im Verlauf ihrer Analyse Polens, Ungarns und der DDR, die stellvertretend für die Entwicklung im Ostblock stehen. Die fünf Eigenschaften des Totalitarismus, die Carl J. Friedrich und Zbigniew Brzezinski 1956 definierten – „eine dominante Ideologie, eine Staatspartei, eine Geheimpolizei, die Terror ausübte, ein Informationsmonopol und eine Planwirtschaft“ (13) – erweisen sich dabei immer noch als Richtschnur. Dementsprechend stellt Applebaum die Gesellschaft in den unverrückbaren Mittelpunkt – genauer: die Zerstörung der Zivilgesellschaft. Nicht ausgeblendet, aber doch in der Bedeutung für die Stabilität der Diktaturen geringer eingeschätzt werden damit die Menschen aus zuvor schwachen sozialen Milieus, denen die Kommunisten den gesellschaftlichen Aufstieg ermöglichten. An nahezu unzähligen Beispielen zeigt Applebaum, dass der politische, wirtschaftliche und kulturelle Umbau den Staaten des neuen Ostblocks gewaltsam von der Sowjetunion aufgezwungen wurde – möglich wurde dies auch, so die Historikerin, weil die Gesellschaften nicht nur durch NS‑Herrschaft und Krieg traumatisiert, sondern zudem durch die Plünderungen und Massenvergewaltigungen durch sowjetische Soldaten (nicht nur in Ostdeutschland!) weiter demoralisiert waren. Unter den Repressionen der folgenden Jahre litten dann vor allem junge Menschen im Alter von unter 30 Jahren, sollten sie doch zum Homo Sovieticus werden; jeder ihrer Ansätze von Selbstorganisation wurde unterdrückt und bestraft. Applebaum stellt die Rollen verschiedener sozialer Gruppen und Akteure ausführlich dar, zeigt mit dem Agieren der Geheimpolizei die Paranoia und Willkür der Regime auf und belegt am herausragenden Beispiel der Katholischen Kirche die Unmöglichkeit, im Stalinismus eigenständig zu handeln. Der Versuch, eine totalitäre Kontrolle der Gesellschaft durchzusetzen, führte dazu, dass jedes abweichende Verhalten als Protest und Dissidenz gewertet wurde. Und da die ideologische Fiktion als Realität definiert wurde, war jeder Weg zur Lösung auftretender Probleme versperrt. So scheiterten die kommunistischen Diktaturen schon bald, wie die Aufstände 1953 in der DDR und 1956 im polnischen Posen und in Ungarn unübersehbar zeigten.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.252.612.622.314 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Anne Applebaum: Der Eiserne Vorhang. München: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/36530-der-eiserne-vorhang_44573, veröffentlicht am 19.12.2013. Buch-Nr.: 44573 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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