/ 20.06.2013
Eberhard Sandschneider
Der erfolgreiche Abstieg Europas. Heute Macht abgeben, um morgen zu gewinnen
München: Carl Hanser Verlag 2011; X, 196 S.; geb., 19,90 €; ISBN 978-3-446-42352-7Das optimistische Triumphgeheul über den finalen Sieg von Kapitalismus und liberaler Demokratie nach dem Ende des Ost-West-Konflikts war noch nicht verhallt, da zeichneten sich schon die ersten Risse in der Hegemonie des Westens ab. Die demografische Entwicklung sprach schon immer gegen die westeuropäischen Staaten und die USA. Der rasante ökonomische und technologische Aufstieg der großen Schwellenländer China, Indien und Brasilien bescherte ihnen einen erneuten relativen Machtverlust. Inzwischen hat die Wirtschafts- und Finanzkrise westliche Staaten in eine Schuldenkrise geführt, die den Handlungsspielraum der Politik weiter einschränkt. Das einst bis zur Arroganz gesteigerte Vertrauen in die Überlegenheit der westlichen Werte und Institutionen scheint dahin, der „Weltschmerz Europas“ (136) zurück. Sandschneider teilt die Diagnose des relativen Machtverlusts Europas in einer multipolaren Welt, stimmt uns jedoch optimistisch, was die konkreten Folgen dieses Abstiegs betrifft. Internationale Politik, so der Ausgangspunkt seiner Argumentation, dürfe gerade nicht auf ein Nullsummenspiel reduziert werden – eine These, die insbesondere von US-amerikanischen Realisten trotz der stetig wachsenden Interdependenz zwischen den Staaten nach wie vor prominent vertreten werde. Aus der Sicht Sandschneiders hingegen gleichen „[d]ie Vorteile wirtschaftlicher Zusammenarbeit [...] die Nachteile des relativen Abstiegs völlig aus“ (178). Um den Abstieg jedoch erfolgreich gestalten zu können, sei es unabdinglich, ein neues Selbstverständnis zu entwickeln, auf „machtpolitische Beharrungen gegenüber den aufsteigenden Mächten zu verzichten“ (176), neue zwischenstaatliche Kooperationen zu forcieren und eine interessenbasierte und kooperative Geopolitik zu verfolgen. Sandschneiders Rezepte klingen erfrischend und sein Plädoyer gegen die allgemeine Larmoyanz trifft ins Schwarze. Wenn wir jedoch an die Konflikte um den Zugang zu endlichen Rohstoffen denken, wirkt die Handlungsempfehlung, der Westen möge freiwillig und zugunsten der aufstrebenden Mächte seine Machtansprüche zurückschrauben, leicht naiv. Dennoch, Europa muss sich die Frage nach der Gestaltung eines erfolgreichen Abstiegs stellen. Ein Anfang ist gemacht.
Marius Hildebrand (HIL)
M. A., Politikwissenschaftler, Doktorand, Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 4.1 | 2.2 | 2.61
Empfohlene Zitierweise: Marius Hildebrand, Rezension zu: Eberhard Sandschneider: Der erfolgreiche Abstieg Europas. München: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/21751-der-erfolgreiche-abstieg-europas_41419, veröffentlicht am 19.01.2012.
Buch-Nr.: 41419
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M. A., Politikwissenschaftler, Doktorand, Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Universität Hamburg.
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