/ 21.06.2013
Simon Sebag Montefiore
Der junge Stalin. Aus dem Englischen von Bernd Rullkötter
Frankfurt a. M.: S. Fischer 2007; 537 S.; geb., 24,90 €; ISBN 978-3-10-050608-5Mit beeindruckender Detailkenntnis schildert der britische Historiker Sebag Montefiore die Biografie Stalins bis zum Oktober 1917 und ergänzt damit seine 2005 erschienene Arbeit über den sowjetischen Diktator (siehe ZPol-Nr. 28143). Erzählt wird die Geschichte einer langen seelischen Verrohung, die ihren Anfang in einem kaputten Elternhaus nahm (mit Zweifeln über den tatsächlichen Vater), sich fortsetzte in einer von Priestern geführten Schule, die jedes persönliche Interesse ihrer Schüler unnachsichtig als nicht erlaubt verfolgten, bis hin zu einem Dasein als Revolutionär, ausgelebt als politisches Banditentum – Stalin war an „Banküberfällen, Schutzgelderpressungen und anderen Nötigungen, bei den Brandstiftungen, Piraterien und Morden“ (17) beteiligt. Er strebte keinen persönlichen Vorteil für sich an, das erbeutete Geld sollte der Politik dienen. Sebag Montefiore zeigt auf, dass der junge Stalin in verschiedener Hinsicht andere politische Vorstellungen hatte als der Diktator – sozialdemokratischer, am Interesse Georgiens orientiert und mit der Absicht, den Bauern Land zu geben. Von seiner späteren Politik, Georgien in die Sowjetunion zu pressen und die selbstständigen Bauern verhungern zu lassen, war noch nichts zu erkennen. Diese Radikalisierung erfolgte erst nach der Oktoberrevolution. Dem Autor geht es, wie im Vorgängerband, vor allem um die Persönlichkeit Stalins, um die Frage, was für ein Mensch er war. Dabei zeigt sich eine große Diskrepanz zwischen seinen zahlreichen Liebschaften und seinen beiden Ehen auf der einen Seite und seiner Kaltblütigkeit Familienmitgliedern und einstigen Vertrauten gegenüber, die (aus oft unerfindlichen Gründen) zu seinen Feinden wurden. Dieser sich damit zeigende und in Kindheit wie Jugend erworbene eklatante Mangel an Einfühlungsvermögen ist ein wesentlicher Grund dafür, dass Stalin ungerührt Millionen von Menschen töten ließ. Zum Diktator aber konnte er nur werden, weil er von Beginn seiner politischen Laufbahn an äußerst zielstrebig war und sein gesamtes Leben der Politik unterordnete.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.1 | 2.62
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Simon Sebag Montefiore: Der junge Stalin. Frankfurt a. M.: 2007, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/28230-der-junge-stalin_33208, veröffentlicht am 07.04.2008.
Buch-Nr.: 33208
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