/ 18.06.2013
Ernst Cassirer
Der Mythus des Staates
Hamburg: Felix Meiner Verlag 2002 (Philosophische Bibliothek 541); 416 S.; kart., 19,80 €; ISBN 3-7873-1616-7Kurz vor seinem Tod im April 1945 schloss Cassirer das Manuskript zu "The Myth of the State" in seinem New Yorker Exil ab. Mit diesem Nachdruck der vom Artemis Verlag besorgten deutschen Erstausgabe aus dem Jahr 1949 ist dieses grundlegende Werk über Struktur und Wirkungsweise des politischen Mythus wieder erhältlich. Auslöser der Reflexionen Cassirers waren die seit dem Ende des Ersten Weltkrieges aufkommenden politischen Mythen, die schließlich in die nationalsozialistische Diktatur mündeten. Wie, so seine zentrale Frage, war nach mehr als zwei Jahrtausenden der Rationalisierung des Politischen dieser Rückfall möglich geworden? Wohl sei der Boden für diese Wiederkehr des Irrationalen im 20. Jahrhundert durch Carlyles Theorie der Heldenverehrung und Gobineaus These der fundamentalen Verschiedenheit der Rassen bereitet gewesen, jedoch erst die Verbindung mit dem kalkulierten Einsatz der neuen technischen Mittel in der Durchsetzung ermöglichte seinen ephemeren Triumph: "[...] hier finden wir Mythus planmäßig erzeugt" (367). An den zentralen Merkmalen mythischen Denkens, dem Gebrauch einer magischen Sprache und der Einführung uniformer, monotoner Riten werden die Parallelen zwischen den Mythen primitiver Gesellschaften und dem Nationalsozialismus aufgezeigt. Das Erstaunliche dabei sei, dass auch kulturell hoch stehende Menschen ihre Freiheit aufgeben, um so die Last der persönlichen Verantwortung abwerfen zu können. Unter der Oberfläche der Kultur, dies das Fazit Cassirers, existierten mythische Vorstellungen weiter und könnten bei heftigen sozialen Erschütterungen immer wieder durchbrechen.
Inhaltsübersicht: Was ist Mythus? Die Struktur mythischen Denkens; Mythus und Sprache; Mythus und Psychologie der Affekte; Die Funktion des Mythus im sozialen Leben des Menschen. Der Kampf gegen den Mythus in der Geschichte der politischen Theorie: "Logos" und "Mythos" in der frühen griechischen Philosophie; Platons Staat; Der religiöse und metaphysische Hintergrund der mittelalterlichen Staatstheorie; Die Theorie des Gerechtigkeitsstaates in der mittelalterlichen Philosophie; Natur und Gnade in der mittelalterlichen Philosophie; Machiavellis neue Wissenschaft von der Politik; Der Triumph des Machiavellismus und seine Folgen; Folgerungen der neuen Theorie des Staates; Die Renaissance des Stoitismus und der "Naturrechts"theorien des Staates; Die Philosophie der Aufklärung und ihre romantischen Kritiker. Der Mythus des zwanzigsten Jahrhunderts: Die Vorbereitung: Carlyle; Von der Heldenverehrung zur Rassenverehrung; Hegel; Die Technik der modernen politischen Mythen.
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Empfohlene Zitierweise: Wolfgang Wagner, Rezension zu: Ernst Cassirer: Der Mythus des Staates Hamburg: 2002, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/17059-der-mythus-des-staates_19601, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 19601
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