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/ 20.06.2013
Klaus Behling

Der Nachrichtendienst der NVA. Geschichte, Aktionen und Personen

Berlin: edition ost 2005; 272 S.; brosch., 12,90 €; ISBN 3-360-01061-2
Ein kollabiertes Staatssystem ist für die Erforschung eines Nachrichtendienstes ein Glücksfall. Behling beschreibt in lesenswerter Weise einen solchen Glücksfall mit dem militärischen Nachrichtendienst der Nationalen Volksarmee (Mil-ND). Diesen Dienst als den kleinen Bruder des Auslandsnachrichtendienstes des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) zu etikettieren, wäre fehlgeleitet. Allerdings wusste bis 1990 kaum jemand im Westen, dass es ein militärisches Agentennetz gab, das allein dem Mil-ND berichtete. Der Informationsausverkauf über den beinahe unbekannten Gegner begann im Sommer 1990 damit, dass der Befehl für die Aktenvernichtung nicht umgesetzt wurde, und sich die Leitung des Mil-ND nicht ganz uneigennützig um die Zukunft seines Personals sorgte. Schließlich hatte man doch nichts anderes getan als die westlichen Gegenspieler: seinem Staatswesen gedient und Ungemach von ihm abgewendet. Die Freude über die Redseligkeit des bisherigen Gegners war geteilt, wies er ihnen doch nach, dass der Mil-ND in sicherheitsrelevante Bereiche eingedrungen war, deren Schutz eine originäre Aufgabe von BND und MAD gewesen war. Hochrangige Informanten hatte der NVA-Nachrichtendienst nicht unbedingt werben müssen; er hielt sich an diejenigen, die täglichen Umgang mit Geheimmaterial hatten: Sekretärinnen, Büroboten, Arbeiter in amtlichen Druckereien usw. Die Ansatzpunkte waren mitunter banal menschlich: Geld, Liebe, Karrierekrisen, Alkoholismus, Spielsucht, Eitelkeit, manchmal auch schlicht Dummheit. Über die Fülle des Materials musste sich in Ostberlin niemand sorgen. Nach 1990 wurde von München und Köln aus fachliche Anerkennung gezollt, aber gleichzeitig damit begonnen, die Netze zu zerschlagen und „Maulwürfe“ zu jagen. Fünfzehn Jahre nach der Wiedervereinigung, dem Ende des Kalten Krieges ist der Nachrichtendienst der NVA nur noch eine historische Größe, deren Geschichte man anekdotenhaft amüsant erzählen kann.
Axel Gablik (AG)
Dr., Historiker.
Rubrizierung: 2.314 Empfohlene Zitierweise: Axel Gablik, Rezension zu: Klaus Behling: Der Nachrichtendienst der NVA. Berlin: 2005, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/23523-der-nachrichtendienst-der-nva_27005, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 27005 Rezension drucken
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