/ 22.06.2013
Steffen Graefe
Der neue radikale Hinduismus. Indien im Kampf der Kulturen
Berlin: Lit 2010; 323 S.; 29,90 €; ISBN 978-3-643-10472-4Der Titel des Buches suggeriert eine Untersuchung zu Programmatik oder Organisationsstruktur der Hindutva, der hinduistisch-nationalistischen Strömungen und Parteien, die in der indischen Politik der vergangenen 20 Jahre einen großen Bedeutungszuwachs erfahren haben. Diese Erwartung wird allenfalls auf den letzten 20 Seiten des Buches erfüllt. Dem Autor geht es nämlich hauptsächlich um „den geschichtsphilosophischen Nachweis [...], dass und wie die Hindunationalisten ihre eigene Tradition verfälschen“ (275). Dazu legt Graefe zunächst einmal eine eigene, möglichst authentische Interpretation dieser Tradition vor. Er bedient sich der Perspektive einer interkulturellen Geschichtsphilosophie: „Insofern ein Philosoph auch ein auf eine bestimmte Ethik bezogener Denker ist, kann er sich mit dem bloßen wertfreien Kulturenvergleich nicht begnügen. Von einem Philosophen erwartet man zugleich Aufklärung über die ethische Perspektive, aus der heraus und auf die hin er denkt.“ (40) Für Graefe bedeutet dies, in einer kritischen Analyse der Ideengeschichte die Wirkung mythisch überhöhter und gleichzeitig korrumpierter Ideen auf die Ideologie der Hindutva aufzuzeigen. Die Hauptteile des Buches sind den Kernaussagen und der Rezeptionsgeschichte des Volksepos Mahābhārata und der Bhagavadgītā, einer zentralen Schrift des Hinduismus, gewidmet. Daneben schreibt Graefe auch über heterodoxe Traditionen des alten Indien. Dabei wird vor allem die Vielfalt deutlich, die in den tradierten Mythen zum Ausdruck kommt. Diese Vielfalt – so Graefe – müssen die Hindunationalisten durch selektive Lektüre erst wieder reduzieren, um eine einheitliche, nationale indische Tradition konstruieren zu können. Erstaunlich und paradox zugleich erscheint dabei, dass diese Konstruktion (zum Teil explizit, meist implizit) unter Rückgriff auf Konzepte und Ideen westeuropäischer Philosophie erfolgt. Dieser Kunstgriff sei nötig, wenn die Hindunationalisten eine grundsätzlich kosmopolitische Tradition in das enge Korsett des Nationalismus zwingen möchten. Graefe ist es daher ein Anliegen, mit seinem Buch die kosmopolitische Tradition wieder zum Vorschein zu bringen.
Markus Lang (ML)
Dr., Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 5.34 | 2.68 | 2.22 | 2.23
Empfohlene Zitierweise: Markus Lang, Rezension zu: Steffen Graefe: Der neue radikale Hinduismus. Berlin: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/32846-der-neue-radikale-hinduismus_39233, veröffentlicht am 08.03.2012.
Buch-Nr.: 39233
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Dr., Politikwissenschaftler.
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