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/ 05.06.2013
Norbert Pütter

Der OK-Komplex. Organisierte Kriminalität und ihre Folgen für die Polizei in Deutschland

Münster: Westfälisches Dampfboot 1998; 450 S.; 62,- DM; ISBN 3-89691-439-1
Über Organisierte Kriminalität (OK) könne nur reden, wer über die Polizei nicht schweigt! (18) Dieser Gedanke liegt der von der Volkswagenstiftung finanzierten und vom Republikanischen Anwaltsverein unterstützten Studie des Berliner Politikwissenschaftlers und Redakteurs der renommierten Fachzeitschrift "Bürgerrechte und Polizei/Cilip" zugrunde. Er resultiert aus der Feststellung, daß das gesamte "Wissen über OK fast vollständig" aus einer einzigen Quelle kommt. "[E]s resultiert aus polizeilichen 'Erkenntnissen' bzw. es fußt auf dem, was die Polizei aus ihren 'Erkenntnissen' glaubt, uns mitteilen zu können." (10) Damit werde die Quelle selbst interessant. "Allein die Art und Weise, wie Wissen dort produziert wird, kann eine zusätzliche Perspektive auf den Gegenstand OK eröffnen" (11). Hinzu kommt ein weiteres Erkenntnisproblem, welches zu einem Wandel der Polizei führt: "Für die Polizei besteht Organisierte Kriminalität einerseits in Zusammenhängen, in Strukturen hinter beobachtbaren und von ihr beobachteten Phänomenen; sie besteht aber auch aus Handlungen und Sachverhalten, die entweder überhaupt nicht als kriminelle auffallen oder die als kriminelle nicht in Zusammenhang mit OK gebracht werden." Für ihre Suche "nach dem Phänomen hinter den Phänomenen" benötige die Polizei "neue Erkenntnisinstrumente; sie braucht neue Methoden, neue Strategien der Wissensproduktion, neue Organisationsformen, neue rechtliche Grundlagen und Befugnisse für eine effektive 'Verbrechensbekämpfung'" (11 f.). Die Polizei ist (damit) im Begriff, sich grundlegend zu verändern, wobei sie - aufgrund der eigenen, sich aus ihrem Erkenntnismonopol ergebenden, besonderen Definitions- und Deutungsmacht - den Grad und die Richtung dieser Veränderung maßgeblich beeinflußt, wenn nicht gar vorgibt. Am Ende könnte eine "qualitativ andere Polizei" stehen, die nicht mehr reaktiv, sondern initiativ tätig, nicht wegen begangener Delikte, sondern gegen allgemein suspekte Personen oder Milieus ermittelt. Anhand dieser Eckdaten diskutiert Pütter die polizeiliche Wahrnehmung bzw. Definition von OK, die Reaktion und damit deren Wandel, den politischen/gesellschaftlichen Kontext, in dem dies geschieht und letztlich die Folgen für die Bürgerrechte. Es gelingt ihm auf diese Weise, die "Anti-OK-Logik" (letzte Umschlagseite) in Frage zu stellen und deren Schwächen und Gefahren sichtbar zu machen. Damit könnte das Buch - dies ist zu wünschen - zu einer sachlicher und vor allem kritischer geführten OK-Debatte beitragen.
Detlef Lemke (Le)
Dipl.-Politologe.
Rubrizierung: 2.3432.3252.3312.324 Empfohlene Zitierweise: Detlef Lemke, Rezension zu: Norbert Pütter: Der OK-Komplex. Münster: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/6714-der-ok-komplex_9047, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 9047 Rezension drucken
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