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/ 11.06.2013
Ulf Dettmann

Der Radikale Konstruktivismus. Anspruch und Wirklichkeit einer Theorie

Tübingen: Mohr Siebeck 1999 (Die Einheit der Gesellschaftswissenschaften 106); X, 286 S.; Ln., 128,- DM; ISBN 3-16-147166-0
Phil. Diss. Mannheim; Gutachter: A. Beckermann. – Konstruktivismus bezeichnet ganz allgemein jene theoretischen Strömungen, die im Anschluß an Kant Erkenntnis als in der Anschauung konstruiert begreifen. Der "Radikale Konstruktivismus", den Dettmann in seiner Dissertation analysiert, vertritt die Auffassung, "daß Realität überhaupt fiktiv ist, weil jedes Subjekt zu jedem Zeitpunkt seine je eigene Realität individuell verschieden vorstellt" (4). Während der traditionelle Konstruktivismus die Fiktion einer objektiven wissenschaftlichen Begründung durch den Nachweis von intersubjektiver Gültigkeit zu substituieren versucht, gibt seine radikale Spielart den Wahrheitsbegriff völlig preis und begnügt sich mit der panfiktionalistischen These der Unvergleichbarkeit aller Erfahrung. Dettmann gibt zunächst einen pointierten Überblick über die von den Neurobiologen Humberto und Maturana entwickelte und daraufhin von der Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie übernommene Theorie der Autopoiese, welche die gemeinsame dogmatische Basis aller radikal-konstruktivistischen Theorien bilde. Er kritisiert den von ihr am Beispiel des Nervensystems erhobenen Anspruch, empirisch haltbar zu sein, und leitet das autopoietische Erklärungsmodell statt dessen aus einer vortheoretischen Entscheidung ab. Daß der Radikale Konstruktivismus trotz seiner Herkunft aus den Naturwissenschaften entgegen der empirisch höchst unplausiblen These an der informationellen Geschlossenheit lebender Systeme festhalte, führt Dettmann auf metaphysisch-moralische Präferenzen zurück, die er in einer normativen Meta-Analyse freilegt. Während der "biologische Konstruktivismus" gegen die physikalistischen Tendenzen in der modernen Biologie auf der herausragenden Stellung des Lebens vor toter Materie insistiere, gehe es dem "erkenntnistheoretischen Konstruktivismus" um den Nachweis, daß nur der kulturelle Wertepluralismus den repressiven Vereinheitlichungszwängen einer monistisch konzipierten Vernunft entgehen könne. "Der Radikale Konstruktivismus entspringt deshalb einer in praktischer Absicht entworfenen Theorie, der politisch-moralische Reflexionen vorauszugehen und deren Resultate dem erkenntnisleitenden Interesse einer Humanisierung der Lebenswelt zu gehorchen haben." (243) Das Dilemma des Radikalen Konstruktivismus zeigt sich nach Dettmann allerdings darin, daß er seinen eigenen Wahrheitsanspruch relativistisch unterminiere und sich damit seiner eigenen Rechtfertigungsmöglichkeit begebe. Vergleichbar der Positivismuskritik Carl Schmitts, bescheinigt Dettmann dem Radikalen Konstruktivismus die Unfähigkeit, sich gegen die erkannte Gefahr behaupten, ja überhaupt gegen sie diskutieren zu können, ohne mit den eigenen Prämissen in Widerspruch zu geraten. Die radikale Variante der konstruktivistischen Theorie erweist sich letzten Endes als theoretisch hilflose Spielart eines antirealistisch und relativistisch geprägten postmodernen Kontextualismus, der aus "Angst vor dem Terror der Vernunft [...] seine Kritik an den Grundannahmen des modernen wissenschaftlichen Weltbildes so tief [ansetzt], daß selbst noch sein eigenes Projekt in Gefahr gerät" (8). Eine besser durchdachte Variante moderner Vernunftkritik erkennt Dettmann folgerichtig in der Diskurstheorie. Sichtlich Anleihen bei Habermas nehmend, schreibt er im Schlußkapitel, daß ein theoretischer Ansatz, der "zwischen verständigungsorientiertem und erfolgsorientiertem Handeln zu unterscheiden wüßte, allemal wirkungsvoller [wäre] als ein relativistischer Befreiungsschlag, der sich durch die Aufgabe universeller Wahrheits- und Rationalitätsansprüche auch noch der Möglichkeit entledigt, für seine eigene Position überzeugend zu argumentieren" (247).
Florian Weber (FW)
M. A., wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 5.42 Empfohlene Zitierweise: Florian Weber, Rezension zu: Ulf Dettmann: Der Radikale Konstruktivismus. Tübingen: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/11038-der-radikale-konstruktivismus_13051, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 13051 Rezension drucken
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