/ 11.06.2013
Michael S. Cullen
Der Reichstag. Parlament, Denkmal, Symbol
Berlin: be.bra verlag 1999; 407 S.; 2., vollst. überarb. und erw. Aufl.; geb., 68,- DM; ISBN 3-930863-65-0Anders als der eher feuilletonistisch konzipierte Reichstagsband von Wefing (siehe ZPol 4/99: 1.478 f.) konzentriert sich dieses Buch auf "Bau- und Erlebnisgeschichte" (11) rund um das Gebäude. Es wurde gegenüber der ersten Auflage von 1995 um zahlreiche neue wissenschaftliche Erkenntnisse, vor allem aber um eigene Abschnitte über Christos Reichstagsverhüllung und die Neugestaltung durch Foster ergänzt. Dem amerikanischen Historiker Cullen, der bereits durch zahlreiche Veröffentlichungen zum Thema bekannt ist und der maßgeblicher Mitinitiator des "Wrapped Reichstag" war, geht es nicht um die Diskussion künstlerisch-ästhetischer Fragen, sondern um die – gerade auch politische - Psyche der beteiligten Menschen. So dient ihm die ebenso akribisch wie lebendig gezeichnete Geschichte des Gebäudes und seiner Vorläufer als Spiegel, der tiefe Einblicke in die Motive politisch bewegter deutscher Geschichte gewährt.
Maßgebliche politische Dimension des Bandes ist das Reichstagsgebäude als Symbol für das Selbstbewußtsein und Selbstverständnis des deutschen Parlamentarismus. So forscht Cullen immer wieder nach den Positionen der Beteiligten: Stehen sie dem Parlament demokratisch-befürwortend oder ablehnend gegenüber? Soll sein Symbol monumental repräsentativ oder nur schlicht-zweckmäßig daherkommen? Wie soll es sich zu den architektonischen Symbolen der Exekutive verhalten? En passant bescheinigt Cullen dem Parlamentarismus wie auch seinem Gebäude in Deutschland eine bis heute fortdauernde Unbeliebtheit. Seine Kritik an der Mißachtung der "Volkssouveränität" einer "parlamentarischen Demokratie" im Deutschen Kaiserreich (93) schießt dabei allerdings sachlich über das Ziel hinaus.
Spannend und lehrreich sind die Rekonstruktionen historischer Polit-Ränke um Bau und (Um-)Gestaltung des Gebäudes. Politisches Tauziehen und Intrigieren, Berufsbedenkenträger- und kleinliches Pfennigfuchsertum, heftigste publizistische Debatten und Behördengerangel um öffentliche Bauten von nationaler Bedeutung - so wird hier auf fast schon amüsante Weise deutlich - sind keine Erfindung unserer Tage, sondern haben in Deutschland Tradition.
Ergänzt wird der detailreiche, sehr gut lesbare und voller aufschlußreicher Anekdoten steckende Band neben einem Geleitwort von Wolfgang Thierse (SPD) durch zahlreiche Schwarzweißphotographien sowie Abbildungen von Grundrissen und anderen historischen Bildern. Die Zuordnung von Anmerkungsziffern und Anmerkungen läßt bisweilen zu wünschen übrig.
Inhaltsübersicht: Reichstagsprovisorien 1871-1894; Das provisorische Reichstagsgebäude Leipziger Straße 4; Reichstagsbau-Wettbewerb 1872; Standortsuche 1872-1881; Der Wettbewerb 1882; Überarbeitung und amtliche Begutachtung 1882-1884; Vom Entwurf zur Grundsteinlegung; Entwürfe und Bauausführung 1884-1889; Bauausführung 1890-1894; Vollendung und Inbesitznahme 1894; Wichtige Mitwirkende am Reichstagsbau; Die Ausschmückung des Reichstagsgebäudes 1888-1908; Das Reichsgebäude und seine Umgebung 1894-1920; Die Inschrift; Arbeiten und Leben im Reichstag 1894-1932; Neue Phasen der Planung; Das Reichstagsgebäude als Symbol der Weimarer Republik; Das Reichstagsgebäude zwischen 1933 und 1945; Das Reichstagsgebäude nach dem II. Weltkrieg; Das Reichstagsgebäude nach 1955; Der Reichstag im wiedervereinigten Deutschland.
Andreas Beckmann (AB)
M. A., Doktorand, Institut für Sozialwissenschaften, Bereich Politikwissenschaft, Universität Kiel.
Rubrizierung: 2.31 | 2.333 | 2.321
Empfohlene Zitierweise: Andreas Beckmann, Rezension zu: Michael S. Cullen: Der Reichstag. Berlin: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/10007-der-reichstag_11839, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 11839
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M. A., Doktorand, Institut für Sozialwissenschaften, Bereich Politikwissenschaft, Universität Kiel.
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