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/ 20.06.2013
Gerd Koenen

Der Rußland-Komplex. Die Deutschen und der Osten 1900-1945

München: C. H. Beck 2005; 528 S.; geb., 29,90 €; ISBN 3-406-53512-7
Der Historiker und Publizist Koenen ergänzt mit einer fulminanten ideengeschichtlichen Bestandsaufnahme den von Heinrich August Winkler beschriebenen „langen Weg nach Westen“. Dieser sei im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts konterkariert worden durch eine ambivalente Faszination, die Russland auf Deutsche ausgeübt habe. Es sei keineswegs so gewesen, schreibt Koenen, dass in Deutschland nur Angst und Schrecken angesichts der Russischen Revolution geherrscht habe. Es gab hochrangige deutsche Militärs, die Lenin die Reise nach Russland ermöglichten und die Bolschewiki mit mehreren Millionen Mark unterstützten – in der Hoffnung, in Russland einen neuen Unterstützer der eigenen Hegemonialpläne zu gewinnen. Diese noch lange fortgesetzte informelle Allianz habe die Weimarer Republik in „in ihrem sterilen Revisionismus“ (406) lange festgehalten. Vor allem aber in den Werken verschiedener Publizisten und Literaten findet sich der Gedanke, dass zwei Reiche – Deutschland und Russland – einen anderen Weg gehen als die liberalen Demokratien des Westens, gleichsam als Verschmelzung von deutschem Geist und russischer Seele. Zum Reiseführer dieser Gedankenwelt hat Koenen den Dramatiker und Publizisten Alfons Paquet ausersehen, der als einer der ersten Korrespondenzen nach der Revolution in Russland arbeitete. In seinem Leben und Werk zeigt sich die Zerrissenheit zwischen Anziehung und Abstoßung durch den „neuen Osten“, der eine andere (bessere?) Zukunft verhieß. Zur Rückschau auf diese deutsche Ideengeschichte zieht Koenen außerdem u. a. Thomas Mann heran, aber auch den katholischen Publizisten Eduard Stadler, einem „Mussolini manqué“. An der Person Stadlers lässt sich eine der großen Stärken des Buches festmachen. Koenen zeigt, wie fließend die Grenzen zwischen den politischen Extremen waren. Auch der Bolschewik Karl Radek sah 1923 im Faschismus nichts anderes als den „Sozialismus der kleinbürgerlichen Massen“ (334) - Kommunisten und Antibolschewisten trafen sich, das neue Russland vor Augen, in ihrem gemeinsamen Feindbild der freiheitlichen Demokratie.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.312.3112.3122.624.1 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Gerd Koenen: Der Rußland-Komplex. München: 2005, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/24663-der-russland-komplex_28490, veröffentlicht am 25.06.2007. Buch-Nr.: 28490 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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