/ 21.06.2013
Thomas Notthoff (Hrsg.)
Der Staat als "geistige Wirklichkeit" Der philosophisch-anthropologische Aspekt des Verfassungsdenkens Rudolf Smends
Berlin: Duncker & Humblot 2008 (Beiträge zur Politischen Wissenschaft 152); 374 S.; 78,- €; ISBN 978-3-428-12873-0Diss. phil. Münster; Betreuerin: B. Stollberg-Rilinger. – Die Auseinandersetzung mit den „Großen Vier“ der Weimarer/Wiener Staatslehre (Kelsen, Schmitt, Smend, Heller) reißt nicht ab. Notthoff kritisiert die Dominanz der funktionalistisch-institutionstheoretischen Rezeptionsweise Smends. Diese habe „keinen Sinn für das Aufspüren der dem historischen Kontext des Smend’schen Staats- und Verfassungsverständnisses zugehörigen Welt- und Menschenbildern und bleibt somit in der Nähe des politologischen Technizismus und Begriffsrealismus“ (52). Vor diesem Hintergrund rekonstruiert er zunächst werkschronologisch die Integrationslehre, um dann im „Amtsgedanken“ u. a. bei Hennis, Köttgen, Scheuner, Landshut und auch Böckenförde „Fortführungen“ der Smend’schen Lehre aufzuzeigen. Schließlich wird diese in der Politikwissenschaft verortet, insbesondere anhand der Auseinandersetzung Smends mit Weber, aber auch mit Kelsen. Insofern ist das Werk Smends – und dem ist zuzustimmen – im kulturkritischen Kontext eines paradigmatischen Kampfes um die Moderne in der Zwischenkriegszeit zu begreifen. Notthoff trägt daher hier zu einem vertieften Verständnis von Smend bei. Gleichwohl muss die vom Autor beabsichtigte „platonische“, normative „Revitalisierung“ gerade mit Blick auf die im deutschen Staatsdenken vorherrschenden Traditionsbestände („Gemeinschaft“; substanzialistischer Staatsbegriff, „Souveränität“ usw.) kritisch betrachtet werden. Auch die These Notthoffs, Smend ein streng-demokratisches Verständnis zu unterlegen, wird in der Forschung wohl weiter strittig bleiben – nicht zuletzt wegen der zahlreichen antipluralistischen Ambivalenzen der bis heute wirkmächtigen Integrationslehre, die Smend in Weimar auch in die Nähe faschistischer Konzepte rückte. Trotzdem: Notthoffs Arbeit ragt über das übliche Maß von Qualifikationsschriften heraus.
Robert Chr. van Ooyen (RVO)
Dr., ORR, Hochschullehrer für Staats- und Gesellschaftswissenschaften, Fachhochschule des Bundes Lübeck; Lehrbeauftragter am OSI der FU Berlin sowie am Masterstudiengang "Politik und Verfassung" der TU Dresden.
Rubrizierung: 5.46 | 5.41
Empfohlene Zitierweise: Robert Chr. van Ooyen, Rezension zu: Thomas Notthoff (Hrsg.): Der Staat als "geistige Wirklichkeit" Berlin: 2008, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/30427-der-staat-als-geistige-wirklichkeit_36120, veröffentlicht am 08.04.2009.
Buch-Nr.: 36120
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Dr., ORR, Hochschullehrer für Staats- und Gesellschaftswissenschaften, Fachhochschule des Bundes Lübeck; Lehrbeauftragter am OSI der FU Berlin sowie am Masterstudiengang "Politik und Verfassung" der TU Dresden.
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