/ 18.06.2013
Hermann Weber / Bernhard H. Bayerlein (Hrsg.)
Der Thälmann-Skandal. Geheime Korrespondenzen mit Stalin
Berlin: Aufbau-Verlag 2003 (Archive des Kommunismus - Pfade des XX. Jahrhunderts 2); 368 S.; geb., 22,50 €; ISBN 3-351-02549-1Jede Personalentscheidung bedeutete einen Schachzug im parteiinternen Machtkampf, jede missliebige Äußerung wurde nach Moskau gepetzt - die geheimen Korrespondenzen von Mitgliedern der KPD untereinander und mit ihren Moskauer Genossen werfen ein grelles Licht auf diese Partei. Ihr Beziehungsgeflecht lag „den Entscheidungen von Komintern und KPD zugrunde" (38), wobei die Ereignisse in der KPD von Stalin persönlich verfolgt wurden. Um seine Machtposition zu festigen, schaltete er sich deshalb 1929 in den Thälmann-Skandal ein: Die deutschen Genossen wollten ihren Vorsitzenden Thälmann absetzen, nachdem er einen Korruptionsskandal vertuscht hatte. Stalin aber sorgte dafür, dass er im Amt blieb. Dieser Politskandal sei für die Weimarer Republik und den internationalen Kommunismus folgenschwer gewesen, so Weber. Die geheimen Korrespondenzen dieser Zeit werden in diesem Buch zum größten Teil erstmals veröffentlicht. Sie zeigen auch, wie Stalin Thälmann durch seine Fürsprache an sich band. Damit wurde Thälmann „zum Instrument dieser Kriminalisierungs- und Ausschlusswelle, die die KPD wenige Jahre vor Hitlers Machtantritt völlig veränderte" (35), mit schwerwiegenden Folgen: „Mit ihrer Stalinisierung hatte sich die Partei weitgehend von der Tradition der deutschen Arbeiterbewegung getrennt." (19) Auch half Thälmann Stalin, die internationale kommunistische Bewegung und die Komintern neu auszurichten. Gedankt hat Stalin dies Thälmann nicht, im Gegenteil. 1933 wurde er von den Nationalsozialisten verhaftet. Da Stalin mittlerweile Thälmann als Störfaktor in den deutsch-russischen Beziehungen sah, setzte er sich nicht für dessen Freilassung ein. Die Interpretation, dass „Thälmann von Stalin bewusst den Nationalsozialisten überlassen wurde" (61), sei angesichts neu zugänglicher Akten nicht mehr auszuschließen.
Aus dem Inhalt: Hermann Weber: Thälmann und Stalin, die KPdSU und die KPD (11-34); Bernard H. Bayerlein: Ernst Thälmann. Vom „Fall" zur Parabel des Stalinismus (34-71).
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.311
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Hermann Weber / Bernhard H. Bayerlein (Hrsg.): Der Thälmann-Skandal. Berlin: 2003, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/18703-der-thaelmann-skandal_21697, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 21697
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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