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/ 19.06.2013
Peter Godman

Der Vatikan und Hitler. Die geheimen Archive. Aus dem Englischen und Lateinischen von Jens Brandt

München: Droemer 2004; 368 S.; geb., 19,90 €; ISBN 3-426-27308-X
Warum hat der Vatikan angesichts des Holocausts geschwiegen? Godman, der Professor für Lateinisches Mittelalter und Renaissance in Tübingen war und jetzt in Rom lehrt, will zur Erklärung auch den „ungehörten Stimmen im Inneren des Vatikans [...] lauschen" (15). Inwieweit diese „ungehörten Stimmen" von vatikanischen Gegnern des Nationalsozialismus, die keinen ausschlaggebenden Einfluss auf die Päpste Pius XI. und Pius XII. ausübten, jedoch zur Abwendung der „Thesen zur persönlichen Schuld Pius' XII. am Holocaust und zur ‚Kollektivschuld' der Kirche" (15) dienen könnten, wird nicht deutlich. Denn Godman stellt fest, dass nur „wenige - wenn überhaupt jemand" (101) im Vatikan nach der Machtübernahme Hitlers begriffen habe, dass die „schreckliche ‚Logik' jener Dämonisierung der Juden [...] von Mein Kampf nach Auschwitz führte" (101). Stattdessen sei der Kommunismus zum ersten Feindbild avanciert. Godman erklärt dies aus der Gedankenwelt des Vatikans heraus, die nicht an einer modernen Gesellschaft orientiert war. Zentrale Aussagen belegt er mit Pius XI., dem Freiheit, Unabhängigkeit und Eigeninitiative als „Geschwüre" galten, die „am leidenden Körper der Christenheit zu kurieren waren" (40). Mit der Demokratie habe er wenig anfangen können. „Ob autoritär oder demokratisch: Für die Kirche spielte die Staatsform keine Rolle." (35) Außerdem sei jegliches Zugeständnis an die Juden untersagt gewesen, selbst der 1928 gemachte Vorschlag, den antisemitischen Text der lateinischen Karfreitagsliturgie umzuformulieren, sei schroff abgelehnt worden. Vor diesem gedanklichen Hintergrund habe sich später sowohl der Nuntius in Deutschland als auch Pius XII. der offenen Kritik an der Judenverfolgung, die man durch Gesetze abgesichert sah, enthalten. Man sorgte sich vielmehr um die Stellung der Kirche. Godman kritisiert wiederholt dieses Schweigen, das noch 1937 anhielt, als der Papst sich mit der Enzyklika „Mit brennender Sorge" nur allgemein an die Öffentlichkeit wandte und der Rassismus nicht hervorgehoben kritisiert wurde. Umso überraschender ist die Kritik Godmans an dem US-amerikanischen Politikwissenschaftler Goldhagen, der zum gleichen Thema publizierte und den er abfällig als „selbsternannten Aufklärer" (12) tituliert. Inhaltlich widersprechen sich Godman und Goldhagen nicht wesentlich, nur dass Letzterer ausdrücklich den Antisemitismus des Neuen Testaments als einen Grund für das Schweigen des Vatikans benennt. Godman geht - und hier liegt der Unterschied - auf diesen zentralen Aspekt kaum ein.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.232.3122.612.25 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Peter Godman: Der Vatikan und Hitler. München: 2004, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/20725-der-vatikan-und-hitler_24173, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 24173 Rezension drucken
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