/ 21.06.2013
Moshe Zimmermann
Deutsche gegen Deutsche. Das Schicksal der Juden 1938-1945
Berlin: Aufbau-Verlag 2008; 315 S.; geb., 22,95 €; ISBN 978-3-351-02670-7Das Leiden der jüdischen Deutschen, die aus der Gesellschaft ausgestoßen, ihrer Rechte und ihres Eigentums beraubt und ermordet wurden, stellt der Historiker Zimmermann an den Ort des Geschehens zurück – mitten in die deutsche Gesellschaft. Seiner Ansicht nach sei diese Binnenperspektive bisher vernachlässigt und die Zeit von 1938 bis 1945 meist nur als Teilaspekt des Holocausts behandelt worden. Zimmermann aber hebt diese Trennlinie zwischen den jüdischen und nichtjüdischen Deutschen auf – die von nichtjüdischen Deutschen erfunden und politisch durchgesetzt worden war, während sich die jüdischen Deutschen als festen Teil der deutschen Kultur und Gesellschaft betrachteten und kaum glauben konnten, was ihre Mitbürger ihnen nun antaten. Diese zwischen 1938 und 1945 entwickelten Perspektiven und Zukunftsvorstellungen der jüdischen Deutschen – und nicht die heutige Kenntnis über den Verlauf der Geschichte – nimmt Zimmermann dabei zum Maßstab der damaligen Verhältnisse und als analytische Grundlage auch einer „kontrafaktische[n] Betrachtung“ (67). Damit greift er immer wieder die späteren Fragen an die Opfer auf, warum etwa sie nicht flüchteten (tatsächlich emigrierte die Mehrheit) oder sich nicht gar widersetzen. Abgesehen davon, dass Zimmermann den damit implizierten Versuch, die Opfer zu Mittätern zu machen, zurückweist, belegt er mit einigen ausgewählten Beispielen, dass schon jeder Versuch der Opfer, wenigstens die eigene Würde zu bewahren, unerbittlich verfolgt wurde. Deutlich wird auch, dass große Teile der nichtjüdischen Bevölkerung zumindest den sozialen Tod des Judentums billigend in Kauf nahmen und den Opfern bis auf wenige Ausnahmen keinerlei Unterstützung signalisierten – und auch bei dieser Haltung blieben, als die massenhafte Ermordung ihrer Mitbürger langsam bekannt wurde. Zimmermann legt mit diesem Band ausdrücklich keine geschlossene Darstellung vor, sondern den – durchaus wegweisenden – Versuch, „den Forschungsstand zu einem komplexen Geschichtsabschnitt zusammenzufassen und klare Konturen zu schaffen“ (251).
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.312 | 2.35
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Moshe Zimmermann: Deutsche gegen Deutsche. Berlin: 2008, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/29958-deutsche-gegen-deutsche_35507, veröffentlicht am 20.01.2009.
Buch-Nr.: 35507
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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