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/ 18.06.2013
Hans-Ulrich Wehler

Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Vierter Band: Vom Beginn des Ersten Weltkriegs bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten 1914-1949

München: C. H. Beck 2003; XXIV, 1.173 S.; 2., durchges. Aufl.; 49,90 €; ISBN 3-406-32264-6
Auch im vierten Band seiner „Gesellschaftsgeschichte" folgt Wehler weiterhin dem Konzept, Geschichte weniger anhand der zeitlichen Abfolge der Ereignisse, sondern vielmehr über die „problemorientierte Analyse und [...] Erklärung wesentlicher Erscheinungen des historischen Prozesses" (XVII) verständlich zu machen. Wehler strukturiert seine Darstellung nach den vier „Zentraldimensionen des zwischen 1914 und 1945 enorm beschleunigten Transformationsprozesses" (XV): Wirtschaft, Sozialstruktur, politische Herrschaft sowie Kultur. In der Einleitung setzt er sich mit Kritik auseinander, die gegen seine Vorgehensweise geäußert wurde. Den Vorwurf der Vernachlässigung der Rolle des Rechts weist er nicht pauschal zurück, sondern verweist auf eine - fachlich notwendige - Spezialisierung und Arbeitsteilung. Dem Einwand, seine Konzeption impliziere eine Unterschätzung der Rolle des Staates, die gerade für die Phase des Nationalsozialismus nicht adäquat sei, entgegnet er, dass gerade das Verständnis längerfristiger sozioökonomischer Veränderungsprozesse wesentlich für die Erklärung des Aufkommens des Nationalsozialismus sei. Zudem lasse sein Konzept sehr wohl eine phasenweise unterschiedliche Gewichtung der vier Dimensionen zu. Wehler grenzt sich zudem von kulturgeschichtlichen Ansätzen sowie von anderen Darstellungen der deutschen Geschichte ab, die ein anderes Erkenntnisinteresse verfolgen. In seinem Resümee des „deutschen ‚Zeitalters der Extreme'" analysiert Wehler noch einmal die Bedeutung historischer Umbrüche und der vorhandenen Kontinuitätslinien in der von ihm hier betrachteten Epoche. Der Erste Weltkrieg erweist sich demnach „als Initialzündung des Unheils im ‚Zeitalter der Extreme'" (990). Die Bedeutung dieser Ereignisse sollte aber nicht über die Kontinuitätslinien hinwegtäuschen, die sich insbesondere im ökonomischen Bereich nachweisen lassen. Auch „Hitler bleibt ein Produkt der deutschen Geschichte, in der die Bedingungen für die charismatische Herrschaft des Diktators entstanden waren." (993)
Julia von Blumenthal (JB)
Prof. Dr., Institut für Sozialwissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin.
Rubrizierung: 2.312.3112.312 Empfohlene Zitierweise: Julia von Blumenthal, Rezension zu: Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. München: 2003, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/20406-deutsche-gesellschaftsgeschichte_23779, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 23779 Rezension drucken
CC-BY-NC-SA