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/ 20.06.2013
Michael von Prollius

Deutsche Wirtschaftsgeschichte nach 1945

Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2006 (Uni-Taschenbücher 2785 [ISBN: 3-8252-2785-5]); 342 S.; kart., 16,90 €; ISBN 978-3-8252-2785-2
Entgegen der Ankündigung des Titels erfährt der Leser des Buches recht wenig über die Geschichte der Wirtschaft in der Bundesrepublik. Etwas mehr wird über die Geschichte der deutschen Wirtschaftspolitik verraten. Im Mittelpunkt der Abhandlungen stehen aber ganz offensichtlich die wirtschaftspolitischen Ansichten des Autors. Diese sind genuin neuliberaler Provenienz. Von diesem Standpunkt aus wird der Verfasser nicht müde, der deutschen Finanz- und Wirtschaftspolitik Kopfnoten zu erteilen – die deutsche Wirtschaftsgeschichte wird explizit als Geschichte wirtschaftspolitischer Fehlentscheidungen verstanden und geschrieben. Von diesem Verdikt wird kaum einer der Akteure bundesdeutscher Wirtschaftsgeschichte ausgenommen, am schlimmsten trifft es – so vorhersehbar wie analytisch fragwürdig – Gewerkschafter, Sozialdemokraten, Keynesianer und Befürworter des Sozialstaates. Alles was außerhalb des neuliberalen Credos von Deregulierung, Marktwirtschaft und Rückzug des Staates liegt, wird nicht nur normativ abgewertet, sondern auch deskriptiv verzerrt dargelegt. So meint der Verfasser beispielsweise, dass mit dem Regierungsstil Helmut Kohls einer „legalistisch geprägten politischen Kultur“ (217) Vorschub geleistet wurde, in der Entscheidungen des Verfassungsgerichts über solchen des Parlaments stünden. Das ist bekanntlich eine der wesentlichen Weichenstellungen des Grundgesetzes und hat mit Kohl rein gar nichts zu tun. Neben solchen sachlichen Fehlurteilen bleibt vor allem der eigentlich spannende Gegenstand des Buches völlig blass. Wer waren die entscheidenden Männer der deutschen Wirtschaft? Was waren die großen Erfolge und Niederlagen der bundesdeutschen Wirtschaftsgeschichte? Die hauptsächliche Schwäche des Buches muss man jedoch neben der sprachlichen und gedanklichen Schlichtheit in dem eklatanten Mangel an politischer und historischer Urteilskraft sehen.
Sebastian Lasch (LA)
M. A., wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 2.32.31 Empfohlene Zitierweise: Sebastian Lasch, Rezension zu: Michael von Prollius: Deutsche Wirtschaftsgeschichte nach 1945 Göttingen: 2006, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/25551-deutsche-wirtschaftsgeschichte-nach-1945_29639, veröffentlicht am 25.06.2007. Buch-Nr.: 29639 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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