/ 05.06.2013
Bernt Engelmann
Deutschland ohne Juden. Eine Bilanz. Mit einem Nachwort von Carl Amery
Göttingen: Steidl 1998; 351 S.; 19,80 DM; ISBN 3-88243-660-3Der 1994 verstorbene Engelmann ist stets ein lauter und unbequemer, wohl auch historisch bei allem Spürsinn nicht eben immer ganz genauer Ankläger alter und neuer Machthaber gewesen; vor allem dann, wenn es Personalunionen zwischen ihnen gab. Der hier neu aufgelegte Band ist erstmals 1970 erschienen und dann 1988 überarbeitet worden. Engelmanns provokante These war, dass die Verfolgung und Vertreibung der Juden nicht nur moralisch verwerflich war, sondern auch höchst unklug, da hier ein Ausmaß an künstlerischem, wissenschaftlichem und auch militärischem Talent außer Landes getrieben wurde, das bei weiterer Integration in Deutschland durchaus den Ausgang des Zweiten Weltkrieges hätte verändern können. Betont nüchtern will er Vorteile und Nachteile der Judenvertreibung gegeneinander abwägen und kommt zu dem Schluss, dass die Nachteile immens überwogen - wiederum ganz von allen moralischen Erwägungen losgelöst. Besonders drastisch ist dies in den Kapiteln "Lektion für unentwegte Militaristen" (163 ff.) und "Die emigrierte Bombe" (197 ff.) der Fall. Ersteres rechnet auf, welche personellen Einbußen die Wehrmacht durch den Ausschluss der Juden erfuhr, Letzteres erklärt seinen Inhalt bereits hinreichend mit dem Titel. Auch nach dreißig Jahren, völliger Überarbeitung und inzwischen mindestens im vierten verschiedenen Verlag erscheinend, liest sich das alles noch so frisch wie einstmals. Da Engelmann in seine Anklage auch die gerichtliche Aufarbeitung der Verfolgungen und die resultierenden Schadensersatzprozesse (und ihr Scheitern) in der frühen Bundesrepublik mit einbezieht und hiergegen die pensionsgesättigten Schicksale vieler Täter auflistet, bietet er noch eine weitere Zielscheibe für die Empörung des Lesers angesichts dieser Zustände. Heute wird man viele der von ihm geschilderten Fälle eher mit noch ungläubigerem Staunen lesen als zum Zeitpunkt der Erstauflage. Engelmanns Buch genügt vielleicht nicht unbedingt immer strengstem historischen Augenmaß, aber es ist ein auch heute noch immens lesbares Beispiel engagierter Publizistik.
Michael Dreyer (MD)
Prof. Dr., Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 2.31
Empfohlene Zitierweise: Michael Dreyer, Rezension zu: Bernt Engelmann: Deutschland ohne Juden. Göttingen: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/8206-deutschland-ohne-juden_10823, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 10823
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Prof. Dr., Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
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